Das andere Brasilien – Eine Reise von Rio nach Rio Grande do Sul

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Brasiliens atemberaubendste Bahnstrecke: Der Serra Verde Express führt von Curitiba in die Hafenstadt Paranaguá am Atlantik und überwindet 1000 Meter Höhenunterschied.

Von Frank Schüttig

Dunkelhäutige Schönheiten. Heiße Samba-Rhythmen und ekstatischer Karneval. Caipirinha und Fußballfieber. Stadtviertel, die man spätestens bei Anbruch der Dunkelheit nicht mehr betreten sollte: Brasilien. Ja. Aber es gibt auch ein anderes Brasilien: Rinderherden und schmucke Bauernhöfe, Fachwerkhäuser und Cafés mit deutschem Kuchen. Städte, die geprägt sind von mitteleuropäischen Einwanderern. Doch dazu später. Unsere Lufthansamaschine ist gerade erst gelandet. Willkommen in Rio! „Atlantis Copacabana“ heißt unser Hotel, es macht seinem stolzen Namen Ehre. Die Copacabana und auch der ebenso berühmte Strand von Ipanema liegen nur ein paar Schritte entfernt. Dort trinken wir abends zur Einstimmung unsere Caipirinhas. Schauen den Surfern zu. Auch gejoggt und geradelt wird viel, Muskelmenschen präsentieren ihre makellosen Körper. Autos scheinen weniger wichtig, statt Porsche oder Jaguar fährt man Ford oder Fiat. Die Hochhäuser an der breiten Uferstraße haben ihre beste Zeit erkennbar hinter sich, der Meeresblick von da oben muss aber immer noch faszinierend sein … Wir beklagen uns nicht, uns liegt die Stadt zu Füßen,
wenn wir am Pool auf dem Dach unseres Hotels sitzen. Der Höhepunkt ist die atemberaubende Rundumsicht vom Zuckerhut auf Rio de Janeiro. Und wir Glückspilze haben strahlendblauen Himmel!

Mick Jagger und schwergewichtige Damen

Das Kolonialstädtchen Parati am Atlantik soll einer der schönsten Orte Brasiliens
sein. Fünf Stunden braucht der Bus für die 260 Kilometer. An der „Costa Verde“, der „grünen Küste“ entlang schlängelt sich die kurvige Straße durch sattgrünen Regenwald. Unten am Meer erstrecken sich malerische kleine Buchten mit Booten und Badestränden. Parati entpuppt sich – zumindest am Wochenende – als brasilianisches Rothenburg,
ein wuseliges Open-Air-Museum mit Kunsthandwerksgeschäften, Schnapsläden und alten Herrenhäusern. Eine überteuerte Pousada (Pension) in jedem zweiten Haus. In der „Pousada do
Ouro“ mit üppigem Garten hängt ein verblichenes Foto von Mick Jagger, der wohl vor Jahren hier Gast war. Durch die gepflasterten Gassen des Centro Histórico schieben sich Touristenscharen, die
Damen nicht selten übergewichtig, trotzdem in enge kurze Hosen gezwängt. Neben der größten Kirche, der Igreja Matriz, treibt uns eine Möchte-gern-Rockband in die Flucht ins nächstgelegene Restaurant. Zum Glück gibt es schwarze Bohnen, die leckere brasilianische Spezialität, die wir schon schätzen gelernt haben. Wochenend-Badebetrieb in Ubatuba. Mit einem kalten Drink in
der Hand sitzen die Leute auf roten oder gelben Plastikstühlen im heißen Sand und lassen sich von den Atlantikwellen umspülen. Umsteigen in Caraguatatuba – wir vergessen zu fragen, ob es für
den Ortsnamen eine Abkürzung gibt … Der Busfahrer trägt weißes Hemd und Krawatte. Bei einem Zwischenstopp identifiziert er uns als Deutsche und zeigt sich noch immer lebhaft beeindruckt
vom legendären 7:1 bei der Fußballweltmeisterschaft. Ähnliches bekommen wir öfter zu hören, die Brasilianer sind faire Verlierer. Abends in der Hafenstadt Santos südlich von São Paulo. Unser
Reiseführer empfiehlt das Hotel „Avenida Palace“ direkt an der Uferstraße, ein „traditionsreiches Haus von 1922“. Seitdem ist die ehrwürdige Herberge offenbar nicht mehr renoviert worden. Glanz und Charme früherer Tage lassen sich nur vage erahnen …

Brasiliens atemberaubendste Bahnstrecke

Weiter Richtung Süden. Gesäumt von Möbelhäusern, Reifenhändlern und Stunden-Motels zieht sich die Straße schnurgerade am Meer entlang. Alte Langschnauzer-Laster und brasilianische VWLkws
kommen uns entgegen. Hinter Peruibe biegt der Bus ab ins Landesinnere, die Landschaft wird hügeliger, saftig und grün. Rechts neben der Straße taucht immer wieder ein halb überwuchertes
Bahngleis auf. Bahnübergänge sind mit vergilbten Schildern markiert, Züge fahren hier schon lange keine mehr. Mehr als 30.000 Kilometer lang war einmal das brasilianische Eisenbahnnetz.
Heute werden nur noch wenige Strecken betrieben und überwiegend Güter transportiert. Eine Ausnahme ist der Serra Verde Express, Brasiliens atemberaubendste Bahnstrecke. Von Curitiba führt sie mitten durchs wilde Küstengebirge der Serra do Mar hinunter in die Hafenstadt Paranaguá am Atlantik. Überwindet dabei fast 1000 Meter Höhenunterschied- eine technische Meisterleistung. 1885 wurde die Strecke nach fünfjähriger Bauzeit eingeweiht. Dieses Abenteuer wollen wir erleben! Auch wenn es heute nur bis Morretes geht. Ächzend und quietschend schaukeln die roten und blauen Wagen der Schmalspurbahn durch die üppige, saftig-grüne Wildnis des brasilianischen Regenwaldes. Zwischen den Bäumen dämmern Ruinen alter Bahnhöfe in der Tropensonne, vor uns flattert ein großer blauer Schmetterling davon. Der Zug taucht in Tunnel ein, überquert Brücken und halsbrecherisch anmutende Viadukte. Unser deutschsprachiger Reiseleiter ist ein pensionierter Elektroingenieur, dessen Großvater nach dem Ersten Weltkrieg aus der Pfalz nach Brasilien ausgewandert ist. „Achtung, gleich werden Sie das Gefühl haben, dass der Zug fliegt“, ruft er uns zu. Tatsächlich, der Fels auf der linken Seite stürzt plötzlich so steil ab, dass wir ihn nicht mehr sehen …

Curitiba, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná, gilt als Brasiliens grünste und sauberste Großstadt. Schon in den 1960er Jahren hatte sich der Architekt und Stadtplaner
Jaime Lerner dafür stark gemacht, den Autoverkehr in der City zu verringern und einen erschwinglichen öffentlichen Verkehr anzubieten. Später war Lerner dreimal Bürgermeister von Curitiba (danach Gouverneur von Paraná) und hatte Gelegenheit, seine Visionen in die Tat umzusetzen. Ein Beispiel sind die Haltestellenröhren mit Hochbahnsteig an den
Bushaltestellen. In jeder Röhre sitzt ein Schaffner, der Fahrkarten verkauft und kontrolliert. Vorteil: Der Bus muss nur kurz halten und kommt schneller vorwärts.

Bürgermeistervon Glauchau und Joinville

Joinville, unsere nächste Station, wurde 1850 von deutschen Einwanderern gegründet. Die Idee hatte der Hamburger Kaufmann Christian Matthias Schröder, dessen Sohn hanseatischer Konsul in Rio de Janeiro war. Mit Gleichgesinnten hob Schröder den Colonisations-Verein von 1849 in Hamburg aus der Taufe. Der Verein kaufte Land von François d’Orléans, prince de Joinville und seiner Gemahlin Franziska Caroline von Portugal. Der Dame zu Ehren wurde die 1850 von 17 Siedlern gegründete Kolonie Colonia Dona Francisca getauft. Heute heißt sie Joinville, hat eine halbe Million Einwohner und ist die größte Industriestadt des boomenden Bundesstaates Santa Catarina. In der Villa Bruestlein, dem Einwanderermuseum am Ende einer von Palmen
gesäumten Allee, lässt sich die Geschichte nachempfinden. Fotos, Urkunden, ein Speise- und ein Schlafzimmer, sogar eine Vitrine mit Meissner Porzellan versetzen den Besucher in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Straßen tragen deutsche Namen. Zum Beispiel den von Ottokar Dörffel. Der war Bürgermeister von Glauchau in Sachsen. Nach der Niederschlagung der 1849er Revolution wurde Dörffel wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Zwar sprach man ihn später frei, doch Dörffel zog es vor, mit seiner Frau Ida nach Brasilien auszuwandern. Dort wurde der Sachse Bürgermeister von Joinville. Als Journalist und Verleger gab Dörffel die deutschsprachige Colonie-Zeitung heraus, die von 1862 an fast achtzig Jahre erschien. Sehr sehenswert in Joinville fanden wir den 1906 eröffneten Bahnhof. Zwar rollt auch dort kein Zug mehr, doch hat mandie Geschichte des Gebäudes mit einer Fotoausstellung liebevoll dokumentiert. Den Abend ließen wir in Lokalen ausklingen,die „Zum Schlauch“ und „Bierecke“ hießen – bevor wir uns in unserem Hotel „Tannenhof“ (mit Fachwerk-Imitation an der Fassade) zur Ruhe legten.

„Alles gut?“

Die 30.000-Einwohner-Stadt Pomerode wirbt mit dem Slogan „Die deutscheste Stadt Brasiliens“ (A Cidade mais Alemã do Brasil). Ein stilvoller Nachbau des Stadttores von Stettin begrüßt die Besucher, bevor sie im Hotel Bergblick, im Hotel Schröder oder in der Pousada Max absteigen und in der Hausbrauerei Schornstein ihren Dämmerschoppen trinken. Die Porzellanfabrik Schmidt ist in ganz Süd-Brasilien bekannt und hat zusammen mit anderen Industriebetrieben den Pomerodern einigen Wohlstand beschert. Viele der roten Backsteinhäuser könnten auch in Norddeutschland
stehen. Wir kommen mit Renno und Daniel ins Gespräch. „Alles gut?“, heißt der Spruch, mit dem man sich hier gern begrüßt. Alljährlich im Januar steigt das einwöchige Pommern-Fest mit Blasmusik
und Tanz. Blumenau, zehnmal so groß wie Pomerode, ist nur eine halbe Busstunde entfernt. Während der Fahrt schauen wir aus dem Fenster: Neubert, Müller, Dreher, Schneider, Ullrich – fast alle Geschäfte in dieser Gegend tragen deutsche Namen. Gegründet wurde Blumenau 1850 von dem Apotheker und Chemiker Dr. Hermann Blumenau aus Hasselfelde im Harz. Bekannt ist die Stadt seit 1983
durch ihr Oktoberfest, nach München das zweitgrößte der Welt. In der Innenstadt fällt ein spitzgiebeliges Haus auf. Eine dreisprachige Informationstafel (portugiesisch, englisch, deutsch) klärt auf: Es handelt sich um eine Nachbildung des Rathauses von Michelstadt im Odenwald, des ältesten Rathauses in Deutschland (von 1484). Die brasilianische Kopie, errichtet 1978, beherbergte das Kaufhaus Moellmann, das 1999 schließen musste. Dr. Blumenau ist in einem Mausoleum mit Denkmal davor bestattet. Verstehen würde der Stadtgründer dort nichts – sämtliche Informationen gibt es (nur) auf Portugiesisch …

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Stadttor von Pomerode

In Blumenau hat Südamerikas größtes Textilunternehmen seinen Sitz, die Firma Hering. Gegründet wurde der Betrieb 1880 von den Brüdern Bruno und Hermann Hering aus Hartha bei Chemnitz.
Wir treffen uns mit Hans Prayon, langjähriger Chef des Unternehmens und ebenso langjähriger deutscher Honorarkonsul in Blumenau. Seine Mutter, geborene Hering, habe bis zu ihrem Tod
mit 103 Jahren fast kein Portugiesisch gesprochen, erinnert sich Prayon. Als 1938 in Brasilien die deutschen Schulen geschlossen, deutsche Zeitungen und Vereine verboten wurden, ging die Familie zurück nach Deutschland. Hans Prayon, Jahrgang 1932, besuchte in Berlin die Schule. Die Familie wurde ausgebombt, nach dem Krieg studierte der Sohn in Aachen. 1964 entschloss er sich, nach Blumenau zurückzukehren. „Eine der besten Entscheidungen meines Lebens“, freut sich Prayon heute.

Das „brasilianische Tirol“ Abstecher nach Tirol

Genauer gesagt, ins „brasilianische Tirol“. Nach Treze Tilias sechs Autostunden westlich von Blumenau, gegründet am 13. Oktober 1933 vom damaligen österreichischen Landwirtschaftsminister Andreas Thaler als Dreizehnlinden. Der Name ist dem Gedicht „Die Dreizehnlinden“ von Wilhelm Weber entnommen. Bekannt ist der Ort auch durch seine Molkerei, Milch der Marke „Tirol“ sieht man oft in Süd-Brasilien. Der Gast hat die Wahl zwischen dem Hotel Schneider, dem Hotel Dreizehnlinden, dem Hotel Edelweiss und dem Hotel Tirol, allesamt im alpenländischen Stil. Wir entscheiden uns für letzteres. Im Hintergrund läuft deutschsprachige Volksmusik. Sowohl das Abend- als auch das Frühstücksbuffet lassen keine Wünsche offen. Hans und Hilde Klotz, die Besitzer, haben vor einigen Jahren ihre alte Heimat besucht und fünf Monate auf einer Tiroler Alm gearbeitet. Florianopolis, Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina, ist eine der schönsten Städte dieser Reise. Sie liegt auf dem Festland und auf einer Insel mit schönen Stränden, zwei Brücken verbinden beide Stadtteile. Die Altstadt hat eine hübsche Fußgängerzone, ähnlich wie an der Copacabana zieht sich am Meer eine belebte Uferstraße entlang. Abends kommen wir mit Ademir Schuck und Vantuin Seger ins Gespräch, Wochenendtouristen aus Rio Grande do Sul, Brasiliens südlichstem Bundesstaat. Sie sprechen einen eigentümlichen Dialekt. „Hunsrückisch“, wie wir später erfahren. Ihre Vorfahren aus dem Hunsrück und aus der Pfalz seien „alle mit dem gleichen Schiff gekommen“, sagt Vantuin. Er betreibt mit seinem Bruder einen „Gasoline-Posten“, eine Tankstelle also, Ademir eine Bäckerei mit Lebensmittelladen. Die beiden wohnen mit ihren Familien in einem Ort namens Santa Maria do Herval, auch Teewald genannt, nördlich von Porto Alegre. Dort sollen wir sie unbedingt besuchen, sagen sie. In Deutschland waren sie noch nie. Auch nicht im benachbarten Uruguay.

Weihnachtsmann mit kurzen Hosen

Ein bequemer, weich gepolsterter Doppelstock-Executivo bringt uns auf gut ausgebauter Autobahn nach Porto Alegre. Umsteigen nach Gramado, einem mondänen Urlaubsort in den Bergen, auch das „brasilianische St. Moritz“ genannt. Entsprechend sind die Preise. Dazu Weihnachtsrummel mit Dauerbeschallung … Eine nette Kunsthandwerksverkäuferin gibt uns den rettenden Tipp:
Fahrt nach Nova Petropolis! Dort erwartet uns Opas Kaffeehaus mit Apfel-, Streusel- und Käsekuchen, gegründet 1986 vom Lehrer Gerhard Kolb und seiner Frau. An der Rezeption der netten Pousada
Serrana begrüßt uns eine junge Frau, Patricia Thiele, die auch schon im bayrischen Füssen gearbeitet hat. Mitten in der Stadt ein überdimensionaler Weihnachtsmann – in kurzen Hosen. Ist ja warm hier. An der Hauptstraße entdecken wir eine Ehrentafel zur 100-Jahr-Feier der Unabhängigkeit Brasiliens und zur 64. Jahresfeier deutscher Einwanderung in Nova Petropolis: „Den Vätern zur Ehre! Uns zur Lehre! Dem Vaterland zum Heil“, Nova Petropolis, 7. September 1922. Im Volkspark gibt es ein Freiluft-Museum zur deutschen Einwanderung mit Kirche, Pfarrhaus, Friedhof, Tanzsaal, Schule, Schmiede und Wohnhaus. Im Biergarten wird gerade das Frühlingsfest eröffnet. Eine Blaskapelle spielt, Paare drehen sich im Tanz. Vielleicht ist Nova Petropolis
„die deutscheste Stadt Brasiliens“, denken wir. Teewald liegt nicht weit entfernt von Nova Petropolis. Dort haben wir Ademir und Vantuin besucht. Ademir hat uns mit Kuchen und
Wurst bewirtet, Vantuin an seinem „Gasoline-Posten“ zum Bier eingeladen. Sie haben uns ihren Ort gezeigt, den Grillplatz, die Kirche mit dem Spruch über dem Altar „Maria mit dem Kinde
lieb, uns allen deinen Segen gib“, die Sporthalle, die Schuhfabrik und das Heimatmuseum. Auch das ist Brasilien.

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