Netzwerk mit Tradition

2008 wurde die „Monte Tamaro“, hier am Terminal Burchardkai in Hamburg, in die Liniendienste der Hamburg Süd eingefädelt. Seitdem setzt sie als Ausbildungsschiff die Tradition der „Cap Finisterre“ fort, die 16 Jahre lang das Ausbildungsschiff der Reedereigruppe war. The “Monte Tamaro”, shown here at the Burchardkai terminal in Hamburg, was phased into Hamburg Süd’s liner services in 2008. Since then, she has been carrying on the tradition of the “Cap Finisterre”, which was the shipping group’s training ship for 16 years.
2008 wurde die „Monte Tamaro“, hier am Terminal Burchardkai in Hamburg, in die Liniendienste der Hamburg Süd eingefädelt. Seitdem setzt sie als Ausbildungsschiff die Tradition der „Cap Finisterre“ fort, die 16 Jahre lang das Ausbildungsschiff der Reedereigruppe war.

Vor 100 Jahren wurde der Lateinamerika-Verein aus der Taufe gehoben. In Südamerika entstanden die ersten deutschen Auslandshandelskammern.

Von Rainer Schubert

Mitten im Ersten Weltkrieg gründeten Hamburger und Bremer Kaufleute 1916 den Hamburgischen Ibero-Amerikanischen Verein, zur Pflege der „kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den neutralen Ländern auf der Pyrenäenhalbinsel, in Süd- und Mittelamerika“. Durch zahlreiche europäische Auswanderer gab es kulturelle Ähnlichkeiten und persönliche Bindungen mit Lateinamerika, dessen Länder nahezu alle bereits souveräne Staaten mit entwickelten Volkswirtschaften waren. Ein reger Wirtschaftsaustausch existierte bereits. Ebenfalls 1916 entstanden in Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay die ersten deutschen Auslandshandelskammern.

Im Oktober 1923 veranstaltete der Verein erstmals den Lateinamerika-Tag, damals noch „Ibero-Amerika-Tag“ genannt, im Gedenken an die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus am 12. Oktober 1492. Mehrmals noch benannte sich der Verein um, bis er 2009 der Lateinamerika-Verein (LAV) wurde. Heute versteht er sich als Unternehmernetzwerk und Informationsplattform, der zugleich die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Region fördert. (Mehr zu 100 Jahre LAV: www.tantotiempo.de und www.lateinamerikaverein.de). Der diesjährige Lateinamerika-Tag in Hamburg am 13./14. Oktober wird ganz im Zeichen des Jubiläums stehen. Hier wird als Ehrengast EU-Parlamentspräsident Martin Schulz erwartet.

Zu 100 Jahren LAV, dem Stand und der Zukunft der deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen stellte BUSINESS & DIPLOMACY Bodo Liesenfeld, Ende Mai wieder gewählter Vorsitzender des LAV-Vorstandes, einige Fragen.

Auf welche Erfolge (und auch Rückschläge) kann der Verein nach einem Jahrhundert zurückblicken?

Als Informationsplattform und Netzwerk der deutschen Wirtschaft mit Lateinamerika-Interessen hat der LAV alle „Aufs und Abs“ in der Region selbst und hinsichtlich der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen beider Regionen intensiv miterlebt. Viele unserer Mitglieder haben gerade die Aufbauzeiten der 1950er bis 1970er Jahre entschieden mitgeprägt. Man denke nur an die Automobilindustrie in Brasilien und Mexiko oder auch an die Chemie- und Finanzbranche. Im LAV fand und findet immer ein reger Austausch statt, um die Märkte der Region besser einschätzen zu können. Die Zeiten der beiden Weltkriege sowie der diversen Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre waren zum Teil schwierige Jahre für den LAV, allerdings bewährte sich die Netzwerkfunktion auch immer gerade dann, wenn andere Verbindungen unterbrochen waren.

Als „Hamburgischer Ibero-Amerikanischer Verein“ gegründet, stand auch die Pflege kultureller Beziehungen auf der Agenda. Was tut der LAV diesbezüglich heute?

Mit der Gründung des Vereins 1916 trugen unsere Mitglieder immer auch zur Festigung der kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen bei. Alle Mitglieder kannten besonders durch den Handel mit der Region die Menschen und Kultur Lateinamerikas. Im Laufe der Jahre überwog allerdings der wirtschaftliche Ansatz unserer Arbeit. Aber überall dort, wo Menschen zusammenkommen, spielen Kultur und Werte eine große Rolle für das gegenseitige Verständnis. In diesem Sinne sind wir als Netzwerk auch immer mit der Kultur beider Regionen verwoben.

Der LAV wurde mitten im Ersten Weltkrieg gegründet? Wie kam es dazu gerade in Kriegszeiten?

Im ersten Weltkrieg waren alle Verbindungen zwischen Deutschland und Lateinamerika unterbrochen. An Lateinamerika interessierte Kreise in Hamburg und Bremen schlossen sich zusammen, um Informationen und Kontakte auszutauschen. Die Kaufleute der Hansestädte unterstützen diese Idee, und daraus entstand ein Netzwerk auf beiden Seiten des Ozeans. Der LAV setzt heute als branchenübergreifendes, bundesweit agierendes Netzwerk diese Arbeit im eigentlichen Sinne der Gründer fort.

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LAV-Vorsitzender Bodo Liesenfeld

Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Stand der deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen, vor allem hinsichtlich der Wirtschaft?

Die Beziehungen haben eine lange Tradition und waren immer geprägt von Anpassungen an die jeweiligen Marktgegebenheiten. Gerade in der Kontinuität einerseits und Anpassungsfähigkeit andererseits liegt auch die Stärke unserer Präsenz in Lateinamerika. Deutschland ist vor allem im Hinblick auf die industrielle und wissenschaftliche Entwicklung, Digitalisierung, Ausbildung und andere Bereiche, in denen Deutschland führend ist, ein wichtiger Partner. Heute stellen Innovationsbereiche und der Transfer von Technologie und Wissenschaft eine ausbaufähige Plattform für die Zukunft unserer Zusammenarbeit dar.

 

Lateinamerika war früher ein wesentlich stärkerer Wirtschaftspartner. Heute blickt alle Welt nach Asien. Welche Tendenzen sehen Sie für die Zukunft der deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen?

Asien wurde interessant wegen der, inzwischen rückläufigen, Wachstumsraten, der großen Nachfrage nach Rohstoffen und seiner Kapitalstärke. Lateinamerika hat gerade im letzten Jahrzehnt enorme Fortschritte in seiner wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung gemacht. In vielen Ländern entstand eine neue Mittelschicht, die große Anstrengungen unternimmt, um den erreichten Lebensstandard zu erhalten und auszubauen. Unsere wirtschaftlichen Beziehungen werden immer differenzierter auf die Veränderungen in der Region reagieren müssen. Im Ausbau besserer Wertschöpfungsketten in der Region sehen wir gute Chancen für deutsche Unternehmen. Unterstützung bei der Produktivitätssteigerung kommt nach wie vor hauptsächlich aus Europa und hier speziell aus Deutschland. Aber qualifizierte lateinamerikanische Firmen sollten auch in Deutschland präsenter sein, auch hier tut sich was. Ich bin sicher, dass die Qualität der Zusammenarbeit zunehmen wird.

Chinas Rolle in Lateinamerika wächst. Wie ist die deutsche Wirtschaft in diesem Wettbewerb aufgestellt?

Über Jahre hat China mit seiner Nachfrage nach Rohstoffen und Agrarprodukten einen wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung vieler lateinamerikanischer Länder gehabt. Die gefühlte Nähe allerdings ist deutlich geringer als die ökonomische. Mit diesem wichtigen Thema befassten sich Experten aus Europa, Asien und Lateinamerika auf dem letzten Lateinamerika-Tag in Hamburg. Die Herausforderungen sind für alle Seiten beträchtlich. Deutschland als Industrie- und Dienstleistungslieferant muss auf diese sich schnell veränderte Lage mit adäquat angepassten Angeboten reagieren. Von größter Bedeutung ist dabei der Ausbau von Technologie-Partnerschaften, um den Angeboten aus Ostasien mit Effizienz, partnerschaftlichen und marktgerechten Lösungen zu begegnen.

Im vom Handel und der Wirtschaft geprägten Hamburg haben fast alle Ländervereine der deutschen Wirtschaft Ursprung und Sitz. Einige sind, zumindest zum Teil, jetzt im politischen Zentrum Berlin präsent. Was ist die Position des Lateinamerikavereins hierzu?

Der Lateinamerika Verein ist von je her bundesweit aufgestellt. Wir sind mit unserem Hamburger Standort eng verbunden und finden in dieser internationalen Stadt viel Unterstützung. In Berlin pflegen wir mit der Regierung, den einschlägigen Institutionen, der Diplomatie und Verbänden einen engen und freundschaftlichen Austausch. Viele lateinamerikanische Besucher reizt die Aufteilung zwischen der politischen Szene in Berlin und dem Wirtschaftsstandort Hamburg. Es ist gut, dass der LAV in beiden Städten aktiv ist, ebenso wie im übrigen Deutschland.

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