Was macht die Wahrhaftigkeit einer Figur aus? Für Jaz Woodcock-Stewart liegt sie nicht zuletzt in ihren Widersprüchen, gerade in alltäglichen Handlungen. Im Zentrum des Dramas stehe stets der Mensch, gleichgültig, ob wir ihn als Bösewicht oder Opfer wahrnehmen. Dies erfordere ein ruhiges, langsames, aufgabenorientiertes Theater, bekennt die britische Regisseurin, die mit ihrer Inszenierung von Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“ zum Theatertreffen 2026 nach Berlin eingeladen wurde.
Die Ambivalenz des Menschen war wohl das besondere Kennzeichen dieses Theatertreffens. Welches Stück auch immer zur 10er-Auswahl der deutschsprachigen Aufführungen des vergangenen Jahres zählte, die Themen kreisten immer wieder um den Menschen. Einige Protagonisten handeln unter gesellschaftlichem und ökonomischem Druck, bei anderen geraten Überzeugungen ins Wanken. Das Spektrum reichte von Pınar Karabuluts opulenter Romanadaption „Il Gattopardo" über ein mitreißendes Solo von Julia Riedler in „Fräulein Else", einer Inszenierung von Leonie Böhm am Volkstheater Wien und Lucia Bihlers bildmächtige Auseinandersetzung mit bipolarer Erkrankung in Thomas Melles „Die Welt im Rücken" bis zu Jan-Christoph Gockels siebenstündigem „Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen". Die zehn bemerkenswerten Inszenierungen kehrten gewissermaßen das Innere nach außen: der Mensch in seinen niedrigsten und höchsten Momenten, getrieben von Lust und Machtgier, Wahrhaftigkeit, Eitelkeit oder Opportunismus, trat dem Zuschauer in den für die 63. Ausgabe des Theatertreffens ausgewählten Arbeiten auf bedrückende wie berückende Weise entgegen.
Jaz Woodcock-Stewart ist am Theater Basel mit „Die Glasmenagerie“ ein überaus persönliches, fast intimes Stück gelungen. Tennessee Williams' 1944 in Chicago uraufgeführtes „Spiel der Erinnerungen" trägt zahlreiche autobiografische Züge. Es geht um die Komplexität der Familienbeziehungen, aber auch den menschlichen Werdegang. Zeitlos sind die Fragen, die sich Tom Wingfield, Erzähler, Sohn der Familie und Alter Ego des Autors, stellt, allen voran: Wie wurde ich zu dem Menschen, der ich bin? Welche Verantwortung trage ich für die Menschen, die ich zurücklasse?
Es ist eine Form von Wahrhaftigkeit und Verletzlichkeit, die dem Zuschauer unter die Haut geht, weil er sich selbst darin erkennt. Tom lebt mit seiner Mutter Amanda und seiner Schwester Laura in St. Louis. Der Vater hat die Familie verlassen, Tom verdient den Familienunterhalt durch die Arbeit in einer Lagerhalle. Gleichzeitig träumt er von einem anderen Leben, schreibt heimlich Gedichte, und sei es auf einem Schuhkarton, und versucht, der bedrückenden Enge des Alltags zu entkommen, auch durch Kinobesuche, die bis weit nach Mitternacht dauern. Laura hingegen zieht sich immer weiter aus der Außenwelt zurück. Zuflucht findet sie bei ihrer Sammlung zerbrechlicher Glastiere, die sie in einer Vitrine ausstellt. Zerbrechlich, durchsichtig, zart – diese Figürchen stehen für ihr inneres, psychisch instabiles Wesen, das es ihr schwer macht, soziale Kontakte außerhalb des Familienkosmos zu knüpfen. Antoinette Ullrich spielt Laura mit einer eigentümlichen Mischung aus Scheu, Unangepasstheit und kindlicher Offenheit. Ihre Laura flattert und tänzelt durch den Raum, wirkt ständig in Bewegung und zugleich wie in sich selbst eingeschlossen.
Hilke Altefrohne macht Amanda nicht einfach zur tyrannischen Mutter. Hinter ihrer Geschäftigkeit, ihren Ratschlägen und ihrem geradezu verzweifelten Optimismus wird die Überforderung einer Frau sichtbar, die ihre Familie unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zusammenhalten muss. Williams siedelt die Handlung im Amerika der späten 1930er-Jahre an; die Folgen der Großen Depression sind am eigenen Leibe spürbar. Das Versprechen vom sozialen Aufstieg hat für Familien wie die Wingfields seine Glaubwürdigkeit verloren, die ökonomische Not ist groß. Das macht Amanda nervös, fast panisch – sie selbst hat ein Trauma erlitten, als ihr Mann sie mit den beiden, noch kleinen Kindern einmal sitzen ließ. Deshalb musste Tom die Rolle des Ernährers übernehmen. Die Verantwortung lastet spürbar so sehr auf seinen schmalen Schultern, dass es ihn zu erdrücken droht. Amanda setzt deshalb ihre Hoffnung auf einen Anwärter für Laura. Tom bringt Jim O’Connor mit nach Hause, einen Arbeitskollegen und früheren Bekannten aus der Highschool. Er soll Laura eine Zukunft eröffnen, am besten als Ehemann. Für einen kurzen Moment scheint dieser Plan sogar aufzugehen, doch Jim ist bereits verlobt. Das erträumte Glück zerbricht so schnell wie Lauras Glastiere. Diese Figuren erscheinen vielmehr als Menschen, die sich gegenseitig verletzen, gerade weil sie voneinander abhängig sind.
Wie dieser amerikanische Traum zerschellt, zeichnen Woodcock-Stewart und ihr Team in diesem Kammerspiel – einem Mikrokosmos aus einer Drei-Personen-Familie und einem Gast – atmosphärisch und einfühlsam nach, ohne dabei auf hintergründigen Humor zu verzichten. Jan Bluthardt ist als Tom nahezu ideal besetzt: sensibel, beobachtend, selbstreflexiv und von einer freundlichen Resignation geprägt. Er vermittelt den Druck, sich den Erwartungen der Familie unterordnen zu müssen, ebenso wie das schlechte Gewissen dessen, der weiß, dass seine eigene Befreiung für die anderen Verlust bedeutet. Am Ende geht Tom, wie einst sein Vater. Es bleibt offen, ob er dadurch frei wird. Die Erinnerung an Laura bleibt.
Das Bühnenbild von Rosie Elnile übersetzt diese Familienkonstellation räumlich in einen „Wild Space" und einen „Domestic Space". Der erste Raum ist offen, beinahe entblößend, Grenzen und Privatsphäre fehlen, wie sie nur im engsten Familienkreis existieren. Die Kostüme wirken fast durchsichtig. Hier zeigt sich die Familie ohne schützende Fassade. Der zweite Raum ist näher an der Realität, zugleich aber restriktiver, Amandas Traum von Stabilität gleichend. Für Laura aber wird gerade diese Vorstellung von Häuslichkeit zur Falle. Sobald ein Außenstehender wie Jim erscheint, beginnt die Familie, sich selbst zu inszenieren: Die Figuren legen Masken an und veranstalten eine Show für jemanden, der nicht zur Familie gehört.
Der Einsatz von Vibrationsplatten, wie man sie vielleicht aus Fitnesstudios kennt, ist ein geschickter Griff, um innere Erregung und die Anspannung sichtbar zu machen. Immer wieder stellen sich die Protagonisten auf diese Powerplates; ihre Körper zittern, während sie versuchen, gewöhnliche Dinge zu tun: miteinander zu reden oder einander überhaupt wahrzunehmen. Die Szenerie entbehrt nicht einer gewissen Komik, etwa wenn selbst der Esstisch ins Zittern gerät, als die Familie gemeinsam bei Abenbrot zusammen sitzt. Doch vielmehr materialisieren sich in den vibrierenden Geräten jene Angst, Depression und Instabilität. Die körperliche Erschütterung wird zum sichtbaren Ausdruck eines inneren Zustands. Auf den Platten balancierend fällt es den handelnden Figuren schwerer, zueinander auch körperlich Verbindung herzustellen, sich sehen, hören und erreichen.
Trotz ihrer dreistündigen Dauer ist die Aufführung stets spannend. Bittere Momente wechseln mit tragischer Komik; die Figuren werden nie dem Spott preisgegeben. Woodcock-Stewart interessiert sich weder für eindeutige Schuldzuweisungen noch für einfache Opfergeschichten. Amanda kann verletzen und zugleich selbst unter den Verhältnissen leiden. Tom kann sich nach Freiheit sehnen und seine Familie dennoch im Stich lassen. Laura ist verletzlich, ohne bloß hilflos zu sein. Darin liegt jene Wahrhaftigkeit, um die die Regisseurin sich bemüht: eben im Widerspruch, nicht in psychologischer Eindeutigkeit.
Vielleicht liegt darin tatsächlich eine Verbindung zwischen den sehr unterschiedlichen Arbeiten des Theatertreffens 2026. Was hier interessiert, ist nicht die makellose Figur, sondern die beschädigte. Nicht das eindeutige Urteil, sondern der Moment, in dem Gewissheiten brüchig werden. Machtgier, Eitelkeit, Scham, Opportunismus, wirtschaftliche Angst und gesellschaftlicher Anpassungsdruck bringen Figuren hervor, deren Handeln oft schwer auszuhalten ist – und dennoch nachvollziehbar bleibt. Theater kann diese Widersprüche sichtbar machen, ohne sie auflösen zu müssen.
Das 63. Theatertreffen fand vom 1. bis 17. Mai 2026 unter der Leitung von Nora Hertlein-Hull statt. Alle während des Festivals gezeigten Produktionen der 10er-Auswahl waren ausverkauft. Eine der zehn eingeladenen Arbeiten fehlte allerdings im Mai: Florentina Holzingers „A Year without Summer“ konnte aus terminlichen Gründen nicht während des Festivals gezeigt werden. Die Produktion folgt als „TT Nachspiel“ am 10. und 11. Oktober 2026 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Vier Inszenierungen wurden von 3sat für die Reihe „Starke Stücke“ aufgezeichnet: „Fräulein Else“, „Mephisto“, „Il Gattopardo“ und „Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen“. Die ersten drei sind bis zum 30. April 2027, „Wallenstein“ bis zum 1. Mai 2027 in der 3sat-Mediathek abrufbar: https://www.3sat.de/themen/theatertreffen-100.html
Mediathek der Berliner Festspiele:
Das nächste Theatertreffen findet vom 6. bis 23. Mai 2027 statt. Die neue 10er-Auswahl soll im Januar 2027 bekannt gegeben werden.
Contact the author: Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de
2026-08-24


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