Die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik befindet sich im Wandel. Steigende Verteidigungsausgaben, der Aufbau resilienter Lieferketten und der Wunsch nach größerer technologischer Souveränität rücken neue Industriepartner in den Fokus. Vor diesem Hintergrund führte eine vom Investment & Finance Office der türkischen Präsidialadministration organisierte Pressereise nach Ankara und Eskişehir, um einen aktuellen Einblick in die Entwicklung der türkischen Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie zu gewinnen. Im Mittelpunkt stand dabei weniger die Vorstellung einzelner Unternehmen als vielmehr die Frage, welche Rolle die Republik Türkiye künftig für europäische Wertschöpfungsketten spielen kann. Auf dem Programm standen Besuche bei führenden staatlichen und privaten Unternehmen wie Turkish Aerospace (TUSAŞ), ASELSAN, TEI (TUSAŞ Engine Industries), ALP Aviation sowie der Turkish Space Agency. Die Gespräche mit den türkischen Unternehmensvertretern und die Besichtigung der Produktionsanlagen zeigten eindrucksvoll, wie sich diese Branchen in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt haben. Von einer überwiegend beschaffungsorientierten Industrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eine strukturelle Transformation hin zu einem innovationsgetriebenen Technologie- und Produktionsstandort mit internationalem Anspruch erfolgt, der längst nicht abgeschlossen ist.
Ein besonderer Höhepunkt des Programms war der Austausch mit dem türkischen Finanzminister Mehmet Şimşek. In dessen Fokus standen die wirtschaftspolitischen Reformen der Regierung, die Verbesserung des Investitionsklimas sowie die strategische Bedeutung der Hochtechnologiebranchen für das künftige Wachstum des Landes. Minister Şimşek betonte die Rolle internationaler Investitionen und technologischer Partnerschaften als wesentliche Bausteine der türkischen Industriepolitik und unterstrich das Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit mit europäischen und deutschen Unternehmen, die sich mit verstärktem internationalem Wettbewerb auf dem türkischen Markt konfrontiert sehen. Die Zahlen verdeutlichen die Dynamik dieser Entwicklung: Während der Anteil lokal entwickelter und produzierter Komponenten in der türkischen Verteidigungsindustrie Anfang der 2000er Jahre noch bei rund 20 Prozent lag, beträgt er heute etwa 80 Prozent. Parallel dazu wuchs die Zahl der laufenden Verteidigungsprojekte von 62 auf über 1.100, das Projektvolumen stieg von fünf Milliarden auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig entwickelt Türkiye heute eigene Plattformen in nahezu allen Bereichen – von unbemannten Luftfahrtsystemen über Hubschrauber und Triebwerke bis hin zum Kampfflugzeug KAAN. Dies verdeutlicht den Wandel vom klassischen Zulieferer hin zu einem souveränen Technologiepartner.
Auch die industrielle Basis wächst kontinuierlich. Mehr als 3.500 Unternehmen sind inzwischen in der türkischen Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie tätig. Sie sind in einem leistungsfähigen Innovationsökosystem organisiert, das aus spezialisierten Clustern, Technologieparks und Forschungseinrichtungen besteht. Anschauliche Beispiele hierfür sind die Sonderwirtschaftszone und der Technologiepark in Eskişehir. Die enge Verzahnung von Industrie, Wissenschaft und Zulieferern beschleunigt Innovationen und erleichtert internationale Kooperationen – ein potenziell strategischer Standortvorteil für europäische Unternehmen, die ihre Lieferketten diversifizieren und ihre Produktionskapazitäten erweitern möchten.
Neben der industriellen Entwicklung sprechen auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine engere Zusammenarbeit: Durch die seit 1996 bestehende Zollunion mit der Europäischen Union verfügt die Republik Türkiye über einen direkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt und erreicht gemeinsam mit ihren Freihandelsabkommen einen Markt von rund einer Milliarde Konsumenten. Hinzu kommt die geostrategische Lage: Innerhalb eines vierstündigen Flugradius liegen Märkte mit 1,3 Milliarden Menschen und einer Wirtschaftsleistung von rund 26 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig verbindet Turkish Airlines weit mehr als 300 Destinationen in über 120 Ländern und stärkt damit die internationale Vernetzung des Standorts. Ein weiterer Wettbewerbsfaktor ist das Fachkräftepotenzial. Nach Angaben des Investment & Finance Office ist die Zahl der Hochschulabsolventen von 287.000 auf 961.000 pro Jahr gestiegen; hinzu kommen jährlich rund 335.000 Absolventen berufsbildender Schulen. In internationalen Vergleichen weist Türkiye zudem eine hohe Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte bei gleichzeitig wettbewerbsfähigen Arbeitskosten auf. Damit sind wichtige Faktoren für forschungs- und technologieintensive Industrien langfristig gegeben.
Für deutsche und europäische Unternehmen ergeben sich daraus konkrete Chancen. Ob in der Entwicklung und Fertigung von Luftfahrtkomponenten, Triebwerkstechnologien, Avionik, Elektronik, Raumfahrtanwendungen oder dual nutzbaren Technologien – die türkische Industrie sucht gezielt internationale Partnerschaften. Gerade angesichts steigender Verteidigungsinvestitionen in Europa und des Ausbaus entsprechender industrieller Kapazitäten können verstärkte Kooperationen mit türkischen Unternehmen dazu beitragen, Innovationen schneller in die Produktion zu überführen und gleichzeitig die Resilienz europäischer Lieferketten zu stärken. Die Reise vermittelte ein differenziertes Bild einer Industrie, die sich in bemerkenswertem Tempo entwickelt hat und ihren Platz als Technologie- und Innovationspartner Europas weiter ausbauen möchte. Die Republik Türkiye versteht sich heute nicht mehr nur als Produktionsstandort, sondern zunehmend als strategischer Akteur und Innovationstreiber für die nächste Generation von Luftfahrt- und Verteidigungstechnologien.
2026-07-28


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