Moscow Kremlin
Der Kreml in Moskau am Moskwa-Ufer

Digitale Perestrojka.

Russland treibt die digitale Transformation an, um wirtschaftlich aufzuholen

Von Svetlana Alexeeva

„Künstliche Intelligenz ist die Zukunft – nicht nur Russlands, sondern auch der gesamten Menschheit“, erklärte der russische Präsident Wladimir Putin in einer „offenen Lehrstunde“ den Schülern in Jaroslawl 2017. „Wer auf diesem Gebiet die Führung erlangt, wird die Welt beherrschen.“

Im Hinblick auf die digitalen Technologien begann Russland vor etwa zehn Jahren, sich strategisch auszurichten. Die damals konzipierte Strategie „Informationsgesellschaft“ hat man Ende 2016 aktualisiert und auf das Jahr 2030 ausgerichtet. Der Fokus hat sich von dem E-Government und Grundlagen der Informationsinfrastruktur zur digitalen Wirtschaft verschoben. Das „Digital-Economy-Programm“, das die Regierung im Juli 2017 verabschiedet hat, ist in der russischen Geschäftswelt gerade ein heißes Thema: Viele Firmen möchten zu Nutznießern dieses riesigen Förderprogramms gehören.

Russland überholt Italien und Chile im Digital Competitiveness Ranking 2018

Russlands bisherige Bilanz fällt uneinheitlich aus. Im IMD Digital Competitiveness Ranking 2018 belegt es Platz 40 und hat Italien sowie Chile abhängt. Besonders gut sind die Werte bei „Bildung & Wissen“. Bei „Regulierungs- und Technologieumfeld“ sowie „Business Agility“ sei jedoch Verbesserungsbedarf nötig, sagen die Experten. In der Tat verfolgt die Politik bei der Internetregulierung seit den Wahlen 2012 einen restriktiven Kurs. Vorschriften für Blogger, die Pflicht zur Server-Lokalisierung und zur Vorratsdatenspeicherung, VPN-Verbote und gerichtliche Verfolgung von Personen für „rechtswidrige“ Likes oder Retweets – sämtliche Regelungen des jüngsten Datums in Russland sind prohibitiv und angeblich der nationalen Sicherheit geschuldet.

Zudem hatte die russische IT-Branche seit 2013 mit der wirtschaftlichen Rezession zu tun. Wer in dieser Zeit seinen Kunden intelligente, kostensparende Business Analytics- und Cloud-Produkte verkaufen konnte, ist damit gut gefahren. Manche starteten eine Auslandsexpansion und übernahmen Software-Aufträge ausländischer Industrie- und Bankenkunden. Erst 2017 gab es Entwarnung. Seitdem wächst der IT-Markt sogar stärker als die Gesamtwirtschaft. Zunehmend tritt der Staat als Nachfrager auf: Nach Inkrafttreten des Gesetzes 2016 über die Importsubstitution müssen öffentliche Stellen bei der IT-Beschaffung bevorzugt heimische Software aus einem Spezialregister einkaufen.

Der Kurs auf Importsubstitution wird vorerst beibehalten. Was ist noch zu erwarten? Das wird davon abhängen, welche Weichenstellungen die Regierung in ihrem Programm für diese Legislatur vornimmt, das zum 1. Oktober angekündigt wurde. Es orientiert sich am Mai-Ukas des Präsidenten und den darin enthaltenden nationalen Zielen und strategischen Aufgaben.

Nationalprogramm „Digital-Economy“ hat Priorität

Das „Digital-Economy-Programm“ würde in jedem Fall eine hohe Priorität haben, versicherte Premier-Minister Dmitrij Medwedew. Man habe dafür 1,08 Trillionen Rubel für die nächsten sechs Jahre reserviert. Die Weltbank spricht von einem Jahresbudget von 1,8 Billionen US-Dollar bis 2025. Für russische Technologieunternehmen ist es eine gute Nachricht, doch die Finanzierung wird nicht einfach zu stemmen sein. Steigende Steuern winken. Die Mehrwertsteuer steigt bereits ab dem 1. Januar 2019 von 18 auf 20 Prozent. Das Rentenalter wird voraussichtlich um fünf Jahre heraufgesetzt.

Ministerium für digitale Entwicklung und Nationale Technologische Initiative

Viele Gerüchte ranken sich um das für Digitalisierung zuständige Ressort, das ins „Ministerium für digitale Entwicklung“ umbenannt wurde, und seinen neuen Minister Konstantin Noskow. Die Erfolgsbilanz des Vorgängers Nikolaj Nikiforow fällt durchwachsen aus. Obwohl kompetent und in der Internet-Community geachtet, scheiterten viele seiner Vorhaben am unzureichenden administrativen Gewicht und dem internen Widerstand der Behörden. Die hierzulande bei E-Government-Projekten vielfach beklagte „Silomentalität“ ist somit keine rein deutsche Erscheinung.

Skolkovo Foundation, das Russische Exportzentrum, die Agentur für Strategische Initiativen und die Nationale Technologische Initiative (NTI) dürften bei der Umsetzung der Digitalagenda Russlands eine besondere Rolle spielen. Zum Beispiel die NTI, die 2015 nach einer Präsidenteninitiative entstand, ist ein Netzwerk, in dem Unternehmerverbände, Technologie- und IT-Firmen sowie Universitäten gemeinsam an einer Zukunftsstrategie für Russland feilen. Ziel ist es, Technologien mit Zukunftspotenzial zu identifizieren, Grundlagenforschung in Anwendungen zu überführen und neue Märkte von Anfang an zu prägen. So will NeuroChat, ein NTI-Teilnehmer, das erste soziale Netzwerk mit Brain-Machine-Interface (Gehirn-Computer-Schnittstelle) sein. Neurobotics stellt anthropomorphe Roboter her. Die beiden Start-ups gehören dem NeuroNet-Segment der NTI an. Daneben gibt es AutoNet, EnergyNet, SafeNet, HealthNet, FinNet etc., die aktuell 350 High-Tech-Newcomer auf sich vereinen.

Der Eindruck, Russland setze ausschließlich auf lokale Player, wäre jedoch falsch. Die deutsche Wirtschaft ist traditionell gut im Land vertreten. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft stieß 2017 zusammen mit dem RSPP (Russischer Unternehmerverband) eine Deutsch-Russische Initiative für Digitalisierung („GRID“) an. Siemens, SAP, Bosch und die Volkswagen Gruppe machen mit.

Skolkovo Robot vor iMoscow Pavillon
Skolkovo Robot vor dem iMoscow Pavillon auf Hannover Messe

Erste CEBIT Russia im März 2019

Die Deutsche Messe AG aus Hannover streckt ebenso die Fühler nach Russland aus. Zusammen mit dem russischen Kooperationspartner Skolkovo bereitet man gerade die erste CEBIT Russia vor, die vom 19. bis 21. März 2019 auf dem Gelände des Skolkovo Technopark bei Moskau stattfinden wird. Deutschland hat einen hohen Bedarf an IT-Fachleuten, weil der Digitalisierungsdruck steigt. Dagegen verfügt Russland über technisch sehr gut ausgebildete Spezialisten. Viele kreative Top-Leute stören sich am zunehmend illiberalen politischen Klima und verlassen das Land.

Wie man diese „Brain Power" hält, ist auch eine Frage der Innovationsmentalität. Jenes grundsätzliche „institutionelle Commitment zur Innovation", wovon auch die Weltbank in ihrem jüngsten Russia Economic Report spricht, ist derzeit Russlands kritischer Erfolgsfaktor auf dem Weg zur Prosperität.

 

Svetlana Alexeeva ist Inhaberin von «DIGITAL INSIGHT Russia, Eurasia & CEE»:

Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de


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