Am ersten Juli-Wochenende ist es wieder soweit: der PS.Speicher, die größte Sammlung historischer Fahrzeuge Europas, ruft zu den Einbecker Oldtimertagen ins südliche Niedersachsen.
Unter den Enthusiasten klassischer Mobile, vom Motorrad bis zum LKW, hat sich dieses Ereignis fest etabliert. Höhepunkt des Wochenendes ist die Ausfahrt am Samstag durch Niedersachsens Städte und Dörfer, an deren Straßen die Menschen Tische und Stühle aufbauen, um den annährend zweihundert Teilnehmern begeistert zuzuwinken. Die diesjährige Ausfahrt führt nach Bad Karlshafen, bevor die Karawane wieder am Startpunkt, den Einbecker PS.Speicher nach 165 Kilometern Rundtour eintrifft, auch dort von zahllosen Zuschauern begrüßt. Für Einbeck ist es ein Volksfest.
Die 30.000-Einwohner-Stadt mit ihrem pittoresken Zentrum aus über 400 Fachwerkhäusern, unter Bierkennern als Heimat des Ur-Bock geläufig (ein Bier, das älter ist bayerisches), verzeichnet durch den PS.Speicher einen enormen Aufschwung. Hauptsächlich seinetwegen reisen jährlich bis zu 100.000 Besucher an, denn man versteht es, ihre Zahl stabil zu halten, indem sich der PS.Speicher stets neu erfindet, da man immer wieder neue Teile der Sammlung für die Öffentlichkeit zugänglich macht, zuletzt durch eine große Kollektion von Modellautos.
Gerne nutzen Fachjournalisten die enorme Fahrzeug-Sammlung, da sie hier nahezu jedes selten gewordenen Auto, Motorrad, Lastwagen und Busse finden können.Zu den Schätze zählennicht nur hochpreisige Preziosen, sondern vor allem Alltagsautos, mit denen wir persönliche Erinnerungen verbinden. Längst nicht mehr existierende Automarken werden so vor dem Vergessen bewahrt, wie z. B. DKW, Glas oder Borgward.
Unter den Alltagsautos wiederum zeigen die PS.Speicher-Kuratoren Sinn für das Spezielle und Rare, indem sie Varianten bewahren, die nur wenig Verbreitung fanden, Raritäten eben. So fuhren wir im vergangen Jahr einen Opel Rekord C 1900, eigentlich ein Massenprodukt und höchst erfolgreich dazu, das von 1966 bis 1972 fast 1, 3 Millionen Mal verkauft wurde. Doch was wir aus dem PS.Speicher-Fundus fuhren war ein Exot, ein Cabriolet, das nur gut fünfzig Mal von der (nicht mehr existierenden) Kölner Karosseriebaufirma Karl Deutsch auf Sonderwunsch aufgeschnitten wurde – zu Kosten, die genauso hoch waren, wie der Anschaffungspreis des Basismodells.
Das bestens erhaltene, rote Cabriolet, mit heruntergeklapptem Verdeck höchst elegant aussehend und dessen altes Grundig-Radio noch perfekt funktioniert, macht die Ausfahrt zum Vergnügen. Denn was kann bei dem sommerlich-sonnigen Wetter, das in aller Regel an den Einbecker Oldtimertagen vorherrscht, willkommener sein, als von frischer Luft umweht über die Landstraßen Südniedersachsens zu gleiten?
Dabei fällt auf, dass ein nicht unwesentlicher Teil der gut 150 an der Ausfahrt teilnehmenden Fahrzeuge mit offenem Verdeck dabei sind. Früher war mehr Cabrio! Historisch mag das erklärlich sein, denn in ihrer Anfangszeit fuhren man in Automobilen, als Nachfolger der Kutschenwagen, Wind und Wetter ausgesetzt. Später blieb das Cabriolet, ob zwei- oder viersitzig, eine verbreitete und beliebte Karosserievariante. Die noch einmal in den 1990er Jahren populäre Welle der Autos mit Klappverdeck – jetzt auch aus Blech statt Stoff – ebbte bald wieder ab. Heute finden sich Cabriolets eher noch im höheren Preissegment im Angebot.
Schade eigentlich, denn das unbedachte (also dachlose) Fahren schottet weniger von der Umwelt ab, ist naturnäher. Man ist in der frischen Luft, riecht sie, wenn auf den Feldern um die Dorflandschaft die Ernte eingefahren wird. Vor allem: man sieht mehr! Denn Niedersachsens Süden ist nicht nur Landwirtschaft. Es ist eine ergiebige Ausflugsgegend, mit z. B. dem Harz, dem Weserbergland und Schlössern in der Nähe. Thüringen, Hessen, Nordrhein-Westfalen sind nicht weit, in allen Richtungen warten Sehenswürdigkeiten, die mehr Zeit zur Besichtigung verdienen, als es unsere Mittagpausen gestatten. Darunter finden sich UNESCO-Weltkulturerbestätten wie Walter Gropius‘ Frühwerk der Moderne, das Fagus-Werk in Alfeld/ Leine, das alte Bergwerk Rammelsberg in Goslar oder die Benediktinerabtei Kloster Corvey bei Höxter.
Richtung Osten finden wir das einst an zwei sich kreuzenden Handelswegen gelegene Duderstadt, dessen früherer Reichtum sich bis heute in 600 Fachwerkhäusern zeigt, einschließlich des einst zu den größten zählenden Rathäusern. Von der späteren Lage an der innerdeutschen Grenze erzählt das sehenswerte Grenzlandmuseum. Und damit sind noch lange nicht alle Sehenswürdigkeiten und Entdeckungen der Einbecker Umgebung aufgezählt.
Viele davon konnten wir – dank regelmäßiger Teilnahme – kennenlernen, wenn sie Ziel- und Wendepunkte der Rallyes waren. Hervorragend organisiert stets die PS.Speicher-Crew dieses Fahr- und Reisevergnügen, vor allem auch dank des Engagements zahlloser ehrenamtlicher Helfer und des Enthusiasmus der kommunalen Behörden vor Ort.
Dieses Jahr nun geht es ins barocke Bad Karlshafen, der hugenottischen Gründung an der Weser, geographisch zwischen Reinhardswald und Solling gelegen oder, politisch gesagt, am Dreiländereck Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle.
Fotos: PS.Speicher
2026-07-02


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