Peter Altmaier in San Francisco
Peter Altmaier vor der Golden Gate Bridge in San Francisco

Peter Altmaier auf Besuch in San Francisco.

Quantencomputer, Künstliche Intelligenz und der Geist von Silicon Valley

Kurze Zeit nach der Rückkehr aus China reiste Bundesminister für Wirtschaft und Energie Peter Altmaier im Juli 2019 in die USA. Besonderheit dieser Reise war ihre erste Station – San Francisco Bay Area – die den Gesprächen mit Wirtschaftsminister Wilbur Ross und dem Handelsbeauftragten Robert Lighthizer in Washington vorausging. „Ich beginne meine Reise ganz bewusst im Silicon Valley“, sagte Altmaier vor dem Abflug. „Deutschland hat ein hohes Interesse bei Zukunftsthemen wie KI (Künstliche Intelligenz), Plattformökonomie und Venture Capital.“

Speziell die deutsche Automobilindustrie steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Welt der Verbrennungsmotoren schrumpft, und in Übersee entwickeln die Newcomer Alternativen dazu: Waymo („das Google Car”), Cruise (GM) oder Zoox. Beim Letzteren ließ sich der Minister auf die Testfahrt mit deren autonomen Fahrzeug ein und schaute sich das Kontrollzentrum an. Zoox, das 2014 gegründete „robotics company pioneering autonomous mobility as-a-service“ entwickele nicht nur eine neue Software wie Waymo oder GM, erklärt Michael Lemperle, Senior Manager Manufacturing Engineering, sondern auch ein eigenes Auto. Mobilität neu denken, ist die Devise.

bei ZOOX robotics company in San Francisco
Nach der Testfahrt mit einem fahrerlosen Fahrzeug von ZOOX in San Francisco

Forschungszentrum Jülich und Google kooperieren bei Quantencomputing

Beim nächsten Stopp im Googleplex in Mountain View, wo Alphabet Inc. seine Zentrale im Silicon Valley hat, ging es um die Forschung. Nach dem Gespräch mit Vertretern der Unternehmensleitung verkündete Altmaier: „Ich freue mich, dass Google und das Forschungszentrum Jülich heute beschlossen haben, in dem wichtigen Zukunftsfeld der Quantencomputer zu kooperieren“. Jülich plant den Betrieb eines Quantencomputers mit 50 bis 100 Qubits im Rahmen des EU-Programms Quantum Technologies Flagship. Google arbeitet an Quantenprozessoren und Quantenalgorithmen. Die Technik gilt als fortgeschritten, nun muss sie in Anwendungen und eine quantumbasierte Kommunikationsinfrastruktur überführt werden. Wenn es soweit ist, könnte es die nächste technologische Revolution auslösen.

Altmaier im AI-Center University of California in Berkeley
Im Center for Human Compatible AI an der University of California in Berkeley

Artificial Intelligence (AI, KI) hat ein ähnlich disruptives Potenzial. Der Blick in Max Tegmarks „Life 3.0“ (New York Times Best Seller 2017) oder „AI-Superpowers: China, Silicon Valley, and the New World Order“ von Kai-Fu Lee reicht, um eine Vorstellung von den Implikationen einer KI-gestützten Staatsmacht zu bekommen. Das Thema Mensch-KI-Koexistenz dominierte auch den Roundtable im Center for Human Compatible AI an der University of California in Berkeley. Der Austausch fand auf einem hohen Abstraktionsniveau statt, was Peter Altmaier mühelos meisterte – und dabei die Sicht eines Wirtschaftsministers einbrachte, etwa hinsichtlich der Folgen des Digitalwandels für die Wertschöpfungsketten der Zukunft.

Technologische Dominanz bei Artificial Intelligence oder Synthetic Biology entscheidend

Sorgen um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sind nicht unberechtigt. Die Einschätzung teilen auch deutschstämmige „digitale Evangelisten“ und Futurologen im Silicon Valley. „Many technologies, such as artificial intelligence or synthetic/digital biology are developing on an exponential rate. Once a player achieves the upper hand, it is hard for others to catch up”, sagt Pascal Finette von der Singularity University und Co-CEO von be radical. Laut Finette investierten die USA 2018 rund 25 Milliarden Dollar in die KI-Forschung, China gab dafür 30 Milliarden aus, Europa hingegen nur drei Milliarden Dollar. Eine zwischen USA und China aufgeteilte Welt, da diese die technologische Dominanz bei AI, Quantum Computing und Genetik haben, ist für Finette ein mögliches Zukunftsszenario. Alle anderen werden dann zwischen den beiden Supermächten entscheiden müssen und ihre Wirtschaft nur mittels fremder importierter Spitzentechnologie betreiben können.

Die Bundesregierung sieht den Wettstreit noch nicht als entschieden. Die Hightech-Strategie 2025 und die nationale KI-Strategie aus dem Jahr 2018 sind ihre Antworten darauf. Es gehe auch um den „Wettbewerb, vor allem mit den USA und China, und um die Zukunft Deutschlands als Industriestandort“. Es fragt sich bloß, wie die große Koalition den „Weg von Künstlicher Intelligenz Made in Germany an die Weltspitze“ mit lediglich drei Milliarden Euro Förderung bis 2025 „forcieren“ will?

Trotz Hightech-Strategie 2025 und KI-Strategie viel Nachholbedarf in Deutschland

Dass Deutschland Einbußen bei technologischer Souveränität drohen, belegt auch die jüngste TOP500-Studie „Götterdämmerung in der deutschen Wirtschaft?“ von Accenture. Das Gewicht der Automobilindustrie wächst weiter, während der Sektor Informations- und Kommunikationstechnologien immer noch zu klein ist, kritisieren die Berater. Dabei werden gerade hier Weichen für die Zukunft gestellt. Der Digitalverband Bitkom meldet ebenso eine zunehmende Skepsis in der deutschen Startup-Szene und mahnt eine zügige Umsetzung der Digitalagenda an. Es fehle der Politik an Taten, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Vor kurzem kündigte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) eine neue Mittelstands- und Digitalpolitik an. Zusätzlich zu Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gibt es im Haus neuerdings einen Beauftragten für Digitale Wirtschaft und Startups sowie zwei neue Stabstellen (Mittelstandsstrategie und Stab KI). Zudem unterstützt das BMWi seit 2012 den German Accelerator (GA) in Silicon Valley, New York, Boston und Singapur. 220 Startups nahmen bisher am Programm teil, drei aus der aktuellen Valley-Kohorte hat der Minister auf seiner Reise besucht.

Ein Aufenthalt am Innovations-Hotspot ist für Gründer gewiss hilfreich, wenn sie international skalieren wollen. Denn es ist nicht Geld allein, weshalb Deutschland bei der Digitalisierung auf der Stelle tritt. Es ist vielmehr das Mindset, eine positive und offene Einstellung zur Technologie, die hierzulande fehlt. Wie zündet man aber den Funken bei den KMU, die 99,5 Prozent aller deutschen Unternehmen ausmachen? Denn es sind vor allem sie, Deutschlands Hidden Champions, die auf den digitalen Pfad gebracht werden müssen.

Vielleicht sollte der Bundeswirtschaftsminister auch Mittelständler, insbesondere aus der Nachfolgegeneration, für einen Aufenthalt an der San Francisco Bay begeistern? Solche Inspirationsreisen würden Digitalisierungsangebote der Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren gut ergänzen. Im Übrigen kann man „den Geist von Silicon Valley“ auch der Agentur für Sprunginnovationen wünschen, die das BMWi und das Bundesministerium für Bildung und Forschung gerade ins Leben gerufen haben.

Svetlana Alexeeva in Mountain View
Svetlana Alexeeva @ Googleplex in Mountain View

Svetlana Alexeeva ist Autorin und Inhaberin von DIGITAL INSIGHT CIS: Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

 


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