„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die Geschichte von Schneewittchen, ihrer bösen Stiefmutter und den sieben Zwergen ist wohl eines der schönsten und beliebtesten Volksmärchen der Brüder Grimm. Ist es nur ein Märchen? Oder hat Schneewittchen wirklich gelebt? Ja, sie hat, sagen Heimatforscher in Lohr am Main. „Am 19. Juni 1725 erblickte ich im Schloss von Lohr als Tochter des kurmainzischen Oberamtmanns Philipp Christoph von Erthal das Licht der Welt“, erzählt Julia, die mit roter Schleife im langen schwarzen Haar, eng geschnürtem blauen Mieder, schneeweißer Bluse und hellgelbem Rock ein echtes Bilderbuch-Schneewittchen verkörpert. Ihrem Vater, dem Schlossherrn, unterstand die Lohrer Spiegelmanufaktur, in der man einen „sprechenden Spiegel“ hergestellt hatte. Seine Frau, Schneewittchens Mutter, starb früh. Der Freiherr heiratete ein zweites Mal, seine neue Gemahlin galt als eitel und herrschsüchtig. Im nahen Spessart – damals ein „wilder Wald“ - wurde Bergbau betrieben, die Leute in den engen Gruben waren klein – wie Zwerge. Die Brüder Grimm, die in der Nähe von Hanau nicht weit entfernt von Lohr lebten, hätten aus diesen Begebenheiten das Märchen von Schneewittchen gedichtet, war sich der Lohrer Apotheker und Heimatforscher Dr. Karlheinz Bartels nach langen Recherchen 1986 sicher. Der „sprechende Spiegel“ ist noch heute im Schloss mit den beiden Rundtürmen, seit 1936 Spessart-Museum, zu sehen. Schräg gegenüber stößt man auf die Touristeninformation. Lohr, erfährt man dort, die uralte Stadt zwischen Spessart und Mainfranken, ist schon seit dem 8. Jahrhundert besiedelt. Zu empfehlen ist ein Bummel mit Baroness von Erthal im historischen Kostüm durch die schmucke Altstadt mit ihren schönen Fachwerkhäusern und idyllischen Plätzen.
Ein paar Kilometer außerhalb, im Lohrer Ortsteil Steinau, wurde im April 2023 die neue Bike Lodge Spessart eröffnet. Das Aktivhotel mit 42 Zimmern und einem stilvollen Restaurant mit Kamin entstand auf dem nicht mehr genutzten Betriebshof einer Schleusengesellschaft. Mit viel Holz aus den umliegenden Wäldern. Der umbaute Innenhof mit Grillplatz lädt Einheimische und Gäste zu Festivitäten aller Art ein. Demnächst soll es sogar einen kleinen SPA-Bereich geben, verrät Geschäftsführer Benyamin Brückl. Die Bike Lodge richtet sich vor allem – aber nicht nur - an Radler, die hier bei Bedarf eine Reparaturwerkstatt mit Werkzeug und Ersatzteilen finden. Auch wir beginnen hier unsere dreitägige E-Bike-Tour, die uns am Main entlang nach Wertheim und durchs Taubertal weiter nach Bad Mergentheim führen soll.
Der Main ist Frankens Fluss. Und der fast 600 Kilometer lange MainRadweg (die fränkischen Tourismusleute legen Wert auf diese Schreibweise) ist einer der beliebtesten Radfernwege Deutschlands. Von den Quellen des Weißen Mains im Fichtelgebirge und des Roten Mains in der Fränkischen Schweiz führt er über den Zusammenfluss der beiden Quellflüsse bei Kulmbach weiter über Bamberg, Würzburg, Wertheim, Aschaffenburg und Frankfurt bis zur Mündung des Mains in den Rhein bei Mainz. Soweit wollen wir nicht. Unsere erste Tagesetappe von Lohr nach Marktheidenfeld ist nur 20 Kilometer lang, eine gemütliche Stunde mit dem E-Bike. Der Weg ist gut ausgebaut, alle Abzweigungen sind ausgeschildert. Rechts glitzert der Main in der Sonne. Lastkähne schippern den Fluss entlang, ein langes weißes Flusskreuzfahrtschiff gleitet vorüber. Am Ufer tummeln sich Enten mit ihrem Nachwuchs. Direkt am Wasser liegen schattige Wohnmobilstellplätze, kleine Biergärten laden zur Rast ein. In Erlach führt ein geschwungener Steg für Fußgänger und Radler hinüber nach Neustadt am Main mit der zweitürmigen Pfarrkirche, die einst Teil einer Benediktinerabtei war. Ebenfalls drüben am rechten Flussufer erstreckt sich Rothenfels, mit rund tausend Einwohnern die kleinste Stadt Bayerns. Hoch über dem Städtchen thront eine Burg, die als Jugendherberge dient.
In Marktheidenfeld führt eine denkmalgeschützte Brücke aus Buntsandstein über den Main, die 1846 vom damaligen Bayernkönig Ludwig I. eingeweiht wurde. Wer sich in der Stadt, die die Einheimischen „Hädefeld“ nennen, etwas gönnen möchte, steigt im komfortablen 4-Sterne-Hotel Anker mit angeschlossenem Weinhaus mitten in der Altstadt neben der St. Laurentius-Kirche ab. Hausherr Dr. Johannes Deppisch klettert mit uns in den 450 Jahre alten Weinkeller hinunter und zeigt die riesigen alten Holzfässer, in denen der Wein gelagert wurde. Marktheidenfeld sei ein „Hidden Champion“, schwärmt er. Sehenswert ist besonders das barocke Franck-Haus mit seiner blauen Fassade und dem prächtigen Festsaal, das 1745 vom Weinhändler und weitgereisten Kaufmann Franz Valentin Franck gebaut wurde und das heute das städtische Kulturzentrum mit Weinbar beherbergt. Auch das Apothekenmuseum in der 250 Jahre alten Obertor-Apotheke lohnt einen Besuch. Unten am Main erstreckt sich unter alten Nussbäumen eine Uferpromenade zum Flanieren und Entspannen. Der nahegelegene Biergarten der Familienbrauerei Martinsbräu sei einer der schönsten in Bayern, meint Marktheidenfelds Stadtmarketing-Chefin Inge Albert.
Radelt man auf dem MainRadweg weiter Richtung Wertheim, fällt auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses das Kloster Triefenstein ins Auge. Die aus mehreren Gebäuden und einer zweitürmigen Klosterkirche bestehende umfangreiche Anlage war ein um das Jahr 1100 gegründetes Stift der Augustiner-Chorherren, heute gehört es einer evangelischen Bruderschaft. Auf der linken Seite leuchtet auf einem Felsen die rot-weiße Fachwerkfassade des Schlosses Homburg, das im Besitz der gleichnamigen Gemeinde ist. An den nahen Steilhängen zur Linken wächst der Homburger Kallmuth, den Kenner für einen der besten Weine Frankens halten. Ein Stück weiter überquert der MainRadweg die Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Jetzt dauert es nicht mehr lange, und hinter einer engen Schleife des Mains taucht Wertheim auf.
Die nördlichste Stadt Baden-Württembergs liegt an der Mündung der Tauber in den Main. Auf der anderen Seite beginnt der Spessart. „Wir sind hier mittendrin“, sagt Wertheims Tourismus-Chefin Christiane Förster. Sitz eines Grafengeschlechts war die Stadt schon in der Stauferzeit. Doch das alte Wertheim, das schon 1009 von König Heinrich II. das Marktrecht erhalten hatte, lag auf der anderen Seite des Mains. Strategisch günstiger für die Ansiedlung war die Anhöhe über der Flussmündung, deshalb bauten die Grafen dort ihre Burg. Um das Jahr 1200 herum soll sogar der Dichter des Parzival, Wolfram von Eschenbach, hier in gräflichen Diensten gestanden haben ... 1214 wird Wertheim erstmals urkundlich erwähnt, ein eigenes Stadtsiegel ist 1316 belegt. Der letzte Graf von Wertheim, Michael III., dessen Eltern in der Stadt die Reformation durchgesetzt hatten, starb 1556. Die Regentschaft fiel an Ludwig I. von Löwenstein-Wertheim. Dessen Sohn Johann Dietrich kehrte 1621 zum katholischen Glauben zurück. 1806 wurde Wertheim dem Großherzogtum Baden zugeschlagen, Kreuzwertheim am gegenüberliegenden Ufer wurde bayrisch.
Der Altstadtbummel durch Wertheim mit seinen malerischen, mittelalterlich anmutenden Gassen beginnt am Maintor, einem von ehemals 18 Stadttoren. Die Maingasse führt zum lang gestreckten Marktplatz mit seinen gut erhalten Fachwerkhäusern, von denen einige aus dem 16. Jahrhundert stammen.
Hier in Wertheim wechseln wir auf den Tauber-Radweg „Liebliches Taubertal – Der Klassiker“, der als 5-Sterne-Radweg klassifiziert ist. Nur rund zehn Kilometer sind es noch bis zum 1153 gegründeten Kloster Bronnbach, das zu den ältesten und besterhaltenen Zisterzienseranlagen Süddeutschlands gehört. Eine Legende erzählt, dass der Bauplatz gewählt wurde, weil sich auf ihm drei weiße Lerchen niedergelassen hatten … Das Herzstück der Klosteranlage ist der gotische Kreuzgang mit den erhaltenen Figurenkapitellen. Fresken im Bernhardsaal des Refektoriums zeigen Szenen aus dem Leben des Ordensgründers Bernhard von Clairvaux. Heute wird das ehemalige Kloster als Kulturzentrum mit Hotel, Restaurant und Vinothek genutzt.
Nächste Station ist die Burg Gamburg. Hoch oben auf einem Berg liegt sie. Mit dem Turbo-Gang des E-Bikes geht es flott hinauf. Die Mitte des 12. Jahrhunderts erbaute Gamburg, ein beeindruckendes Denkmal der Stauferzeit, ist in Privatbesitz. Burgherr Goswin von Mallinckrodt empfängt seine Gäste persönlich zur Führung. Im imposanten Rittersaal zeigt er Wandmalereien aus der Zeit um 1200, die sein Vater Hans-Georg bei der Renovierung der Burg entdeckt und freigelegt hat. Zu sehen sind Szenen mit Kaiser Barbarossa auf dem Kreuzzug - die ältesten weltlichen Wandbilder nördlich der Alpen! Die Gamburg kann nicht nur besichtigt, sondern auch gemietet werden. Für standesamtliche Trauungen steht das Wappenzimmer zur Verfügung. Auf der malerisch gelegenen Burgterrasse lädt das Burgcafé zu Kaffee und Kuchen ein. Vom Liegestuhl unter Bäumen genießt man eine großartige Aussicht ins Taubertal.
Nur 13 Kilometer, eine reichliche halbe Stunde mit dem E-Bike, sind es noch bis Tauberbischofsheim, von den Einwohnern liebevoll „Bischem“ genannt, Heimatort des langjährigen IOC-Präsidenten und früheren Olympiafechters Thomas Bach. Bevor wir uns im Hotel „Das Bischof“ zur Ruhe legen, führt uns Turmwächterin und Heimatforscherin Irmgard Wernher-Lippert am Abend noch durch die historische Altstadt. In der Fahrradgarage des Hotels werden die Akkus der E-Bikes über Nacht frisch aufgeladen. Wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, denn nach Lauda-Königshofen, dem nächsten Etappenziel, sind es nur reichlich 8 Kilometer. Die Weinstadt im Taubertal, früher auch als Eisenbahnerstadt bekannt, ist ein echter Geheimtipp. Hier kann man mehr als nur ein paar Stunden verbringen. Vor allem das eindrucksvolle, sehr gut gestaltete Heimatmuseum in einem Weinbauernhaus aus der Renaissance lohnt einen Besuch. Der Pulverturm ist das letzte Relikt der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Eines der letzten Weingüter von Lauda ist das traditionsreiche Weingut Sack, wo man das größte Holzfass im Taubertal mit kunstvollen Schnitzereien bestaunen kann. Natürlich werden auch Weinproben angeboten.
Bad Mergentheim, Kurbad und Residenzstadt des Deutschen Ordens, ist das Ziel unserer Radreise an Main und Tauber. Am neu gestalteten Gänsmarkt lassen wir mit einem Glas Wein die 3-tägige Tour ausklingen. Unternehmen noch einen Bummel ohne E-Bikes durch die geschichtsträchtige Stadt. Seit 1219 war in Bad Mergentheim der Deutsche Orden zu Hause, der 1190, während der Kreuzzüge, gegründet worden war. Das Deutschordensschloss, seit 1996 Museum, war von 1527 bis 1809 die Residenz der Hoch- und Deutschmeister, die die Stadt beherrschten. Erst Napoleon beendete die Existenz des Ordens in den Rheinbundstaaten, der Orden wich in die Habsburger Monarchie aus. Mergentheim fiel an das Königreich Württemberg.
Am Marktplatz steht ein Denkmal für den Ordensritter Wolfgang Schutzbar genannt Milchling. 1543 wurde er Hochmeister des Deutschen Ordens, erbaute 1564 das Rathaus und die erste Wasserleitung der Stadt. Auch ein bekannter deutscher Dichter ist mit der Stadt verbunden: Eduard Mörike, der Verfasser der wunderschönen Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag". Als Pfarrer früh pensioniert, lebte Mörike von 1844 bis 1851 in Mergentheim. 1851 heiratete der schwäbische Dichter in der hiesigen Schlosskirche die Mergentheimer Offizierstochter Margarethe Speeth und zog mit ihr nach Stuttgart. Bad Mergentheim hat sein mittelalterliches bis barockes Stadtbild bis heute bewahrt, denn seit dem Schmalkaldischen Krieg von 1556/1557 und dem damaligen Brand des Rathauses hat es hier keine Kriegszerstörungen mehr gegeben.
Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Franken e.V. und den Partnern Tourismusverband Spessart-Mainland e.V. und Tourismusverband ‚Liebliches Taubertal‘ e. V.
2026-06-07


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