„Wir waren echte Pioniere“

Gespräch mit Ruben Vardanyan, Philanthrop, Präsident von Vardanyan, Broitman & Partners, Mitgründer und Partner von Phoenix Advisors

Der russisch-armenische Impact-Investor berichtet aus erster Hand über Russlands Weg zur Marktwirtschaft nach dem Systembruch 1991 und darüber, wie er mit Mitstreitern die erste Wertpapierbörse RTS (Russian Trading System) sowie den ersten Broker Troika Dialog im neuen Russland gegründet hat. Heute ist Vardanyan Präsident der Investmentgesellschaft Vardanyan, Broitman & Partners, hat einige leitende Funktionen an der von ihm mit gegründeten School of Management SKOLKOVO und betreibt zahlreiche Wohltätigkeits- und Bildungsprojekte.

 

Ruben Vardanyan
Sozial-Entrepreneur und Philanthrop Ruben Vardanyan

Herr Vardanyan, als gebürtiger Armenier gingen Sie 1985 zum Wirtschaftsstudium an der MGU (Moskauer Staatliche Universität) nach Russland, wo Sie auch das Ende der UdSSR erlebten. Wo viele den Absturz sahen, ergriffen Sie die Chance und wurden Unternehmer – mit Initiativen wie die Gründung der ersten Börse RTS (Russian Trading System). Warum gelang Ihnen, woran viele damals gescheitert sind?

Ich hatte Glück, aber sicherlich auch eine gewisse Veranlagung zum Entrepreneur. Ich bin es gewohnt, 25 Jahre im Voraus zu denken und so meine Entscheidungen zu treffen. So wie mein Großvater und Vater, beide Professoren, wollte ich auch werden. Doch Ende der 1980er Jahre änderte sich alles. Als ich begriff, dass im Zuge marktwirtschaftlicher Reformen auch Wertpapiermärkte, entstehen werden, begann ich mich mit Börsen – einer Materie, die für mich und meine Kommilitonen absolutes Neuland war – zu befassen, durchlief Traineeships bei der italienischen Banca CRT und Merrill Lynch in New York. Übrigens lerne ich gern. Alle paar Jahre versuche ich, Kurse für Führungskräfte zu belegen, zum Beispiel an der INSEAD, in Stanford, Harvard, Yale oder Singapur.

Besuchen Sie als erfahrener Investor und Gründer immer noch Studienseminare?

Ich folge nur einer alten Weisheit: Lebe so, als würdest du heute sterben. Lerne so, als würdest du ewig leben.

Was waren die größten Schwierigkeiten in Russland Anfang der 1990er Jahre? Gab es tatsächlich keine Regeln?

Die Transformation in Russland hatte keinen linearen Verlauf. Am Anfang fehlte jedwede Regulierung, auch das Verständnis, was da gerade vor sich geht. Für mich war klar, dass mit der Privatisierung ausländische Investoren ins Land kommen werden und meine Partner und ich deren Ansprechpartner sein sollten. Wir waren echte Pioniere.

Die Gründung der Wertpapierbörse RTS nach dem Vorbild der NASDAQ oder des ersten Brokers Troika Dialog im postsowjetischen Russland geht auf Sie persönlich zurück. Mit Ihnen als CEO avancierte Troika zur führenden Investmentbank, bis zum Verkauf 2012 an die Sberbank. Heute wickeln Sie Ihre Investments über die Firma Vardanyan, Broitman & Partners ab und widmen sich karitativen und philanthropischen Aufgaben. Reicht Ihnen das?

Ich bin nach wie vor aktiv und habe schon immer Projekte wie „Russland 2015“ und „Armenien 2020“ parallel gemanagt. Die Gründung der SKOLKOVO Business School in Moskau 2006 fand zeitgleich mit meiner Arbeit in Troika statt.

Was hat Sie dazu bewogen, eine private Managementschule in Russland zu gründen?

In Russland gab es vor SKOLKOVO keine internationale Businessschule. Das war ein Nachteil: Keine ausländische Managementschule, sei es die Stanford oder die ESMT Berlin, kann interessierten Studierenden ein Gefühl für Russland und seine Besonderheiten, wie man hier erfolgreich Geschäfte macht, in dem Maße vermitteln, wie man es selbst nur vor Ort vermag. Diese Vision hatte ich als SKOLKOVO-Präsident. Heute gehöre ich dem Board of Directors an, bin Deputy Chairman des International Advisory Board, leite das SKOLKOVO Institute for Emerging Market Studies und den Expertenrat beim Wealth Transformation Center.

Gibt es Nachfrage nach derartigen Leistungen?

Ja. Unsere Vermögensberatungen arbeiten an Angeboten für diese Zielgruppe mit besonderen Ansprüchen: Hilfe bei Schenkung, Verkauf oder Übertragung von Geschäftsanteilen auf Nachfolger. Die Gründung einer steuerbegünstigten wohltätigen Stiftung wäre auch eine attraktive Option, wenn die Methodik dafür fertig ist. Dazu hatten wir bereits ein Projekt mit der deutschen Firma GET:FINEO.

Sie sind kein Politiker, sind aber von der Staatsduma als Experte in den Investitionsrat und vom Föderalen Ministerium für Industrie und Handel in den Strategischen Rat für Investitionen in neue Industrien berufen worden. Wie erklären Sie sich diese Aufträge?

Ich war mein Leben lang Investor. Zudem bin ich viel gereist und sah, wie eng globale und lokale Lebenswelten heutzutage verflochten sind. Dies erklärt meine Einstellung, auch als Russe mit armenischen Wurzeln, nämlich: „glocal“ – think globally, act locally. Dabei interessiert mich vor allem der Mensch, erst danach künstliche Intelligenz, Data Science und Technologien. Der Wettbewerb um die besten Köpfe ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Hierüber entscheidet sich die globale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Wie kreiert man also Ökosysteme, die eine hohe Konzentration kreativer Köpfe aufweisen?

Verfolgen Sie mit dem 2016 mit Ihrer Hilfe gegründeten Fonds für armenische Wissenschaft und Technologie (FAST) das gleiche Ziel? Sollen damit private Gelder, auch der armenischen Diaspora im Ausland, mobilisiert werden?

Der FAST dient dazu, ein günstiges Umfeld für Innovationen und Startups zu schaffen. Dazu gehören nicht nur finanzielle, sondern auch personelle und technologische Ressourcen. Glücklicherweise verfügt Armenien über gut ausgebildete Menschen. Dank seiner Mathematiker und Ingenieure, der Kompetenzen bei Radio- und Mikroelektronik galt es schon früher als „Silicon Valley der Sowjetunion“. Diese Basis blieb erhalten. Darauf stützen wir uns in unseren Entwicklungsprojekten für Armenien wie der humanitären Initiative „Aurora“.

Als Philanthrop bauen Sie private Stiftungen auf und spenden Geld für wohltätige Zwecke wie Bildung, Wissenschaft und Gesundheitsfürsorge. Welche Rolle spielt hier der Erfahrungsaustausch? Gibt es ein Forum, bei dem Sie und Mitstreiter wie Melinda und Bill Gates oder Hasso Plattner zusammenkommen?

Die Wohltätigkeit ist ein hochemotionales und individuelles Feld. Unter Philanthropen gibt es viele eigensinnige Köpfe, die ungern Informationen und Ideen mit anderen teilen. Deshalb ist der Austausch fragmentiert, doch es gibt ihn, zum Beispiel beim Weltwirtschaftsforum in Davos, zu dem ich bis 2013 15 Jahre lang gereist bin, oder kürzlich beim Rhodos-Forum 2019 des Berliner Dialogue of Civilizations Research Institut (DOC).

Eine letzte Frage über Russlands Zukunft. Welche Aufgaben sind besonders kritisch? Wie gelingt der wirtschaftliche Durchbruch?

Ich halte drei Bereiche für besonders relevant: Demographie, Privateigentum und funktionierende Institutionen.

 

Das Gespräch fand beim Rhodes Forum 2019 "The world in (dis)order: A dialogue towards shared narratives" des Dialogue of Civilizations Research Institute (DOC) statt.

Svetlana Alexeeva, Strategy Advisor, Inhaberin von DIGITAL INSIGHT CIS:

Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

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