Schwedens Botschafter Per Thöressen
S.E. Per Thöresson, Botschafter des Königreichs Schweden

„Wir sind ein exportorientiertes Land“

Von Rainer Schubert

Als erstes Land Nordeuropas wird Schweden 2019 Partnerland der Hannover Messe sein. B&D fragte S.E. Per Thöresson, Botschafter des Königreichs Schweden, nach den Erwartungen daran sowie zur Wirtschafts- und Außenpolitik seines Landes.

Herr Botschafter, was erwartet und verspricht sich Schweden vom Partnerlandstatus der Hannover Messe 2019?

Das ist eine großartige Chance, Schweden als modernes, innovatives und auf Zusammenarbeit eingestelltes Land vorzustellen. Wir sind sehr stolz, ausgewählt worden zu sein! Die Hannover Messe ist die weltgrößte Messe für „Smart Industry“, oder Industrie 4.0, und wir möchten aktiv neue Partnerschaften suchen. Deswegen haben wir das Motto „Schweden Co-Lab“ gewählt.

Deutschland und Schweden sind vor fast zwei Jahren eine Innovationspartnerschaft eingegangen. Sie umfasst vier zukunftsträchtige Bereiche: Mobilität, Digitalisierung, „e-Health“ und „Testbeds“. Zahlreiche spannende Projekte laufen bereits, einige davon werden in Hannover vorgestellt werden. Aber ich hoffe natürlich sehr, dass viele weitere dazukommen werden.

In Hannover werden eine Menge schwedische Unternehmen vertreten sein, darunter 40 richtig interessante Start-ups und Scale-ups. Außerdem akademische Institutionen, Behörden, Verbände, und Vertreter der Regierung. Wir wollen auch ein tolles kulturelles Programm bieten.

Schwedens Wirtschaftsdaten sind mustergültig und eine Erfolgsgeschichte. Auch der Wohlstand der Bevölkerung ist gut und gleichmäßig verteilt. Was hat Schweden alles richtig gemacht?

Die Wirtschaft läuft in der Tat sehr gut. Wir sind ein exportorientiertes Land und es hilft natürlich, dass die Weltwirtschaft wächst. Dies gesagt, haben wir in den vergangenen Jahren unseren Marktanteil am Weltexport erhöht. Zu unseren Stärken gehört unsere Innovationskraft mit vielen erfolgreichen Start-ups, aber auch starken multinationale Unternehmen, wie ABB, Ericsson, SKF oder Tetra Pak, um nur einige zu nennen.

Das hohe Maß an sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft ist das Resultat einer langwierigen politischen Arbeit. Eine Voraussetzung dafür ist das Vertrauen zwischen Bürgern und Staat. Das sogenannte „Nordische Modell“ zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, eine starke wirtschaftliche Entwicklung mit einem umfassenden Sozialstaat zu kombinieren.

Trotz Wohlstand und prosperierender Wirtschaft: bei den Parlamentswahlen am 9. September wurde auch in Schweden eine als rechtspopulistisch eingestufte Partei, die Schwedendemokraten, drittstärkste Kraft. Wie ist dies zu erklären?

Ich glaube, wir sehen bei uns ähnliche Muster wie in Deutschland und in vielen anderen europäischen Staaten: Globalisierungs- und Zukunftsängste, Unsicherheit und eine gefühlt zu schnelle Entwicklung der Gesellschaft. Nicht, dass die Rechtsnationalisten darauf Antworten hätten, aber diesen Parteien seine Stimme zu geben, ist wohl eine Art Protest.

Schweden hat sich einer feministischen Außenpolitik verschrieben. Was bedeutet dies praktisch und wie weit ist sie realisiert?

Es ist eigentlich ganz einfach: Frauen müssen die gleichen Rechte, Ressourcen und das gleiche Maß an Repräsentation („drei R“) gewährleistet werden wie Männern. Wir betreiben diese Politik nun seit vier Jahren, und inzwischen ist sie für uns alle – Frauen wie Männer – eine Selbstverständlichkeit geworden.

Ich bin selber Feminist und seit einigen Jahren aktiv in einer UNO-Initiative genannt „He for She“. Jeder Mann, der findet, dass Frauen die gleichen Rechte haben sollten, dass wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben, und der bereit ist etwas dafür zu tun, ist eigentlich ein Feminist.

Neutralität ist ein traditionelles Prinzip Schwedens, es ist auch nicht Mitglied der europäischen Währungsunion. Was sind die Grundlinien der Außenpolitik und wie europäisch sieht sich die schwedische Bevölkerung?

In einer aktuellen Umfrage haben sich 68 Prozent der Schweden positiv zur EU-Mitgliedschaft geäußert. Das ist ein Rekordwert. Wir sind nicht Mitglied einer militärischen Allianz, sind aber mit der NATO eng verbunden. Wir gehören auch zu den aktiveren Ländern im Bestreben, die Zusammenarbeit der EU auch im militärischen Bereich zu vertiefen. Schweden und Deutschland haben außerdem gemeinsame Impulse gegeben, um die zivilen Krisenmanagementfähigkeiten der EU zu stärken. 

Ganz generell machen wir uns Sorgen um die regelbasierte multilaterale Zusammenarbeit. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Grundfreiheiten werden heute immer mehr in Frage gestellt, auch von uns nahestehenden Ländern. Deswegen versuchen wir die UNO, die OSZE, den Europarat – aber auch die EU – aktiv zu stärken. Noch bis Ende des Jahres ist Schweden Mitglied des UNO-Sicherheitsrates, und wir freuen uns darüber, dass Deutschland ab dem 1. Januar „unseren“ Sitz übernimmt.

Schweden will sicherheitspolitisch blockfrei bleiben, hat den Verteidigungshaushalt erhöht – bis 2035 ist die Verdoppelung angestrebt – und hat 2018 die Wehrpflicht wieder eingeführt. Was sind die Gründe?

Wir dachten, wie viele andere Länder, dass nach dem Ende des Kalten Krieges der ewige Frieden ausgebrochen war. Aber seit Georgien 2008 und noch mehr seit der illegalen Annexion der Krim 2014 hat sich unsere sicherheitspolitische Lage eindeutig verschärft. Die nordischen Länder sehen Russlands andauernde Aktivitäten in der Ukraine als eine größere Bedrohung, als dies in Deutschland der Fall ist. In den Gemeinschaftsgewässern und dem Luftraum der Ostsee erleben wir immer mehr, dass Russland wie zu Zeiten des Kalten Krieges auftritt. Seit einigen Jahren haben wir eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren finnischen Freunden. Unsere Streitkräfte üben zusammen und planen auch zusammen. Denn noch einmal: Sicherheit baut man zusammen! 

Interview: Rainer Schubert


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