Regentenbau Bad Kissingen Rhön
Regentenbau, Bad Kissingen | Rhön, © Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH

Kraft der Heilquellen und historische Pfade:

Fränkische Kurstädte Bad Kissingen und Bad Königshofen


Von Svetlana Alexeeva

 

Die „europäische Kur“ ist ein Kulturphänomen, das bereits in der Antike seinen Ursprung fand. Ihre Blütezeit erlebte sie jedoch von 1700 bis in die 1930er Jahre. Es fällt schwer, die vielfältigen – urbanen, sozialen und kulturellen – Facetten der zahlreichen Kurorte in Europa jener Zeit zusammenzutragen. Stellvertretend dafür stehen die „Great Spa Towns of Europe“: Elf Kurstädte, die als transnationales UNESCO-Welterbe anerkannt sind. Sie repräsentieren diese Epoche und den Typus „Kurstadt“, und haben andere Kurorte in Europa und weltweit inspiriert.

Im 19. Jahrhundert zogen die eleganten, internationalen und architektonisch innovativen Kurstädte Vertreter des Adels und der Bourgeoisie aus dem In- und Ausland an. Die Verbindung von Erkenntnissen aus der Heilquellenkunde und Kurortmedizin (Balneologie) mit gesellschaftlichen Aktivitäten wie Theater, Tanz, Musik, Glücksspiel und Bewegung an der frischen Luft in der grünen Kurlandschaft machte sie zu einem wahren Magnet. Die Infrastruktur und Architektur dieser Orte, die sich in der besonderen Gestaltung der Plätze, Straßen und gesellschaftlicher Freiräume äußerte, passte sich der Kuridee an.

Diese Konsistenz und Harmonie könnten durchaus auch für zeitgenössische Architekten und Stadtplaner eine Quelle der Inspiration sein. Moderne Bauprojekte wie die Hafencity in Hamburg oder das Europaviertel in Frankfurt mögen Energieeffizienzkriterien genügen, wirken aber oft steril und kalt. Soziale Verödung als Folge ist keine Seltenheit. Am Beispiel der traditionellen Kurstädte lässt sich anschaulich studieren, wie man es besser machen kann und eine räumliche Stadtorganisation schafft, die den Bedürfnissen der Menschen näherkommt.

Heilquellen und Balneologie: Bad Kissingen wird nobler Kurort

In Bad Kissingen wurde der ganzheitliche Ansatz nahezu perfekt umgesetzt. Das architektonisch herausragende Kurgartenensemble, wozu der klassizistische Regenten- und Arkadenbau, die Wandel- und Brunnenhalle sowie ein Casino gehören, fügt sich harmonisch in die städtebauliche Architektur ein. Eingebettet in eine grüne Hügellandschaft mit Wander- und Spazierwegen, die auch für therapeutische Zwecke genutzt wurden und werden, bildet die Stadt eine Symbiose aus Natur, Park- und Gartenanlagen und kurspezifischer Architektur, die sowohl untereinander als auch mit den Bedürfnissen der Kurgäste korrespondieren.

Vor fast 200 Jahren begründeten heilende Quellen Bad Kissingens Ruf als Weltbad. Drumherum legte man einen Kurpark mit Alleen an und errichtete 1825 den ersten Wandelgang. Im Jahr 1834 ließ der bayerische König Ludwig I. überdachte Aufenthaltsbereiche im Kurgarten schaffen, um der wachsenden Anzahl der Gäste gerecht zu werden. Damit war der Grundstein für den Arkadenbau gelegt, der im Zusammenspiel mit dem Kurgarten ein beliebter Treffpunkt des gesellschaftlichen Kurlebens wurde. Der elegante Rundbogenbau erfüllt diese Funktion bis heute. Ein weiteres markantes Bauwerk ist der Regentenbau, der zwischen 1911 und 1913 errichtet wurde. Es lohnt sich, einen Blick in sein Inneres zu werfen – das imposante Foyer, den Grünen Saal in seiner vollendeten Jugendstileleganz, den Max-Littmann-Saal mit seinem Kirschbaumholzinterieur und den Weißen Saal im Rokoko-Stil, der zu den prächtigsten Sälen Bad Kissingens zählt und deshalb bei Hochzeitspaaren beliebt ist – und sich von der Atmosphäre der Gründerzeit verzaubern zu lassen.

Auch heute noch wird im Kurpark, in der Brunnenhalle Heilwasser ausgeschenkt. Eine fachkundige Brunnenfrau berät die Besucher zu den Anwendungen sowie Indikationen und bietet Heilwässer je nach individuellen Beschwerden und Wunsch zum Verkosten an. Jedes Heilwasser kann aufgrund seiner spezifischen geologischen Beschaffenheit zur Linderung verschiedener Gesundheitsprobleme beitragen. So wird die Rakoczy-Quelle bei Magen-Darm-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und zur Stärkung des Immunsystems empfohlen, während der Max-Brunnen besonders bei Nieren- und Harnwegsinfekten hilfreich ist. Die Pandur-Quelle wiederum wird für Trinkkuren bei Gallen- und Magenerkrankungen genutzt. Statt des Ausschanks in der Brunnenhalle können die Kurgäste auch während eines Spaziergangs die Kraft des Heilwassers tanken und die gleichen Quellen im Kurpark selber anzapfen.

Im Kurgarten in Bad Kissingen, Franken
Im Kurgarten in Bad Kissingen

Berühmte Kurgäste: Otto von Bismarck, Kaiserin Sisi und Richard Strauß

Bad Kissingen ist nicht nur für seine heilenden Quellen bekannt, sondern auch für seine reiche Geschichte und die exponierten Besucher. Im 19. Jahrhundert genoss die Stadt den Ruf als nobler Kurort und zog eine breite internationale Elite aus der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst an, darunter Theodor Fontane, George Bernard Shaw und Richard Strauß. Während der Kursaison weilten hier neben den Bayernkönigen Vertreter kaiserlicher Familien und des Adels aus ganz Europa, darunter König Max II. von Bayern, Kaiserin Elisabeth von Österreich (bekannt als Sisi) und Zar Alexander II. von Russland. Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck verbrachte ab 1876 mehr als 66 Wochen in Bad Kissingen. Überliefert ist, dass er hier das Kissinger Diktat über die Grundzüge seiner Außenpolitik verfasste. Bismarck logierte in der Oberen Saline, die heute ein Museum über die Kissinger Salzerzeugung und Kurbad sowie das Kurquartier des Reichskanzlers samt Originalausstattung beherbergt.

Die Verbindung zur Kaiserin Sisi, die insgesamt sechs Mal in der Kurstadt war und mehrfach im damaligen Königlichen Kurhaus wohnte, wird durch die „Sisi-Tour“ lebendig gehalten, einen etwa 3,3 Kilometer langen Wanderweg, der zu einem Hügel mit einem Panoramablick auf die umliegende Landschaft führt. Die Tour auf den Spuren der berühmten Kaiserin, die 1862 von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet, als "blutarm, menschenscheu und gemütskrank", wie ein Arzt sie beschrieb, zum ersten Mal nach Kissingen kam, ist mehr als nur eine erholsame Rundwanderung. Es ist eine Reise durch die Geschichte in Verbindung mit der heilenden Wirkung der Natur für Körper und Seele. Entlang der Saale führen weitere Wanderrouten zu den Gipfeln der Rhön, ins „Land der offenen Fernen“, einem Biosphärenreservat der UNESCO. Bleibt man jedoch bei der „Sisi-Tour“, gelangt man nach einer halben Stunde Fußweg zu der KissSalis Therme, einem modernen Wellnesszentrum, das auf den mineralreichen Schönbornsprudel, eine der sieben Bad Kissinger Heilquellen, zurückgreift. Es handelt sich um Thermalwasser, da die Temperatur des Mineralwassers bei Austritt aus der Quelle über 20 Grad Celsius beträgt. Hier erwarten die Besucher ein Solebad, diverse Kuranwendungen, Saunen und ein riesiges Thermalbad auf einer Fläche von 8.000 Quadratmetern mit zehn Innen- und Außenpools.

KissSalis Therme Bad Kissingen
KissSalis Therme bei Nacht, © KissSalis Therme Bad Kissingen

FrankenTherme in Bad Königshofen: Schwimmen im warmen Mineralheilwasser

Nur 40 Kilometer nordöstlich davon bietet die FrankenTherme in Bad Königshofen eine Alternative dazu. Das Besondere dabei: Bad Königshofen verfügt über Mineralwasserquellen mit hohem Sulfatgehalt, die damit zu den wenigen in Deutschland bekannten Bitterwässern gehören. Ein weiteres Highlight der FrankenTherme ist der Natur-Heilwassersee. Die Anlage aus dem Jahr 1974 wurde vor einiger Zeit renoviert und neu gestaltet. Es ist ein reines, voll biologisch aufbereitetes Mineralwasserbad, gespeist von einer direkt unter den Thermen sprudelnden Heilwasserquelle. Selbst im Winter bleibt das Wasser angenehm warm bei 34 Grad Celsius. In diesem Mineralheilwasser, vor allem im Außenbecken im Freien, zu schwimmen ist ein unvergleichliches Erlebnis für die Sinne. Das Heilwasser können Besucher bereits beim Betreten der Therme aus einem stilvollen Wasserbrunnen in der Eingangshalle verkosten.

Die FrankenTherme glänzt mit medizinischen Kuranwendungen wie Kneipp-Therapie und großzügigen Wannenbädern, in denen lokale Heilmittel und Moor einsetzt werden, sowie den sieben Themen-Saunen im Finnisch-Fränkischen-Saunadorf. Eine Besonderheit stellt auch die Bienenstock-Lufttherapie dar, bei der man die Luft direkt am Bienenstock einatmet und so die heilsamen Wirkstoffe aufnimmt, die von den Bienen produziert werden. Seitdem die deutschen Krankenkassen Präventivkuren wieder bezuschussen, sind die Besucherzahlen laut Kurdirektor Werner Angermüller merklich gestiegen. Dank dieses Zuschusses lasse sich der Eigenanteil reduzieren und ein Kuraufenthalt auch für weniger pralle Geldbeutel erschwinglicher machen. Wohnmobiltouristen finden auf dem Gelände der Anlage einen Stellplatz, was besonders für Durchreisende oder Kurzurlauber ideal ist, die auf ihrer Route etwas für ihre Gesundheit tun möchten.

Naturheilwassersee FrankenTherme Bad Königshofen
Naturheilwassersee in der FrankenTherme, Bad Königshofen, © FrankenTourismus/HAS/Hub

Grenzgebiet Grabfeld im geteilten Deutschland

Das Grabfeld, wie sich die Gegend um Bad Königshofen nennt, markiert nicht nur eine Kulturgrenze zwischen Franken und Thüringen, sondern auch die ehemalige innerdeutsche Grenze. Das Archäologie-Museum in Bad Königshofen, untergebracht in einem ehemaligen Kornspeicher, gewährt Einblicke in die Geschichte und Kultur der Region, die schon vor mehr als 8.000 Jahren besiedelt war. Die umfangreiche Sammlung vor- und frühgeschichtlicher Funde beherbergt beeindruckende Exponate, darunter ein frühneolithisches Männergrab oder die Skelette eines Mannes, der vor etwa 5.500 Jahren v. C. nahe Schweinfurt gelebt haben soll.

Seit 2006 befindet sich nebenan das Museum für Grenzgänger, das vier Jahrzehnte der bewegten deutsch-deutscher Geschichte dokumentiert. Die Landesgrenze zwischen der DDR und der BRD verlief nur wenige Kilometer entfernt. Römhild in Thüringen und Bad Königshofen in Franken (Bayern) trennen nur 15 Kilometer – und in der Zeit der Mauer vor 1989 die Demarkationslinie zwischen den beiden deutschen Staaten der Gesamtlänge von etwa 1.400 Kilometern. Der „Grenzgängerweg“ in naher Umgebung, ein teils aus einzelnen Betonplatten bestehender Rundwanderweg, der vom Naturpark Haßberge aufgebaut wurde, dient als mahnender Zeuge der schmerzvollen deutschen Teilung. „Während des Grenzbaus mussten oft ganze Dörfer den massiven Befestigungsanlagen weichen“, berichtet Hanns Friedrich, der geschichtsinteressierte Besucher entlang des zehn Kilometer langen Wanderwegs führt. In der Umgebung seien die sogenannten "geschleiften Dörfer" entstanden.

Grenzgänger Wanderweg Franken
Erlebnistour "Grenzgängerweg" nahe Bad Königshofen

Ein besonderes Relikt dieser Zeit ist ein etwa 300 Meter langes Stück des ursprünglichen Grenzzauns, das hier beim Abbau der Grenzanlagen vergessen wurde. Verrostet, zerrissen und von der Zeit gezeichnet, steht dieses Stacheldrahtgeflecht inmitten der friedvollen Natur im befremdlichen Kontrast dazu. Friedrich, einst dienstältester Journalist des Bayerischen Rundfunks, weiß viele Geschichten über das Grabfeld – seine Heimat, sonst reich an Burgen und Schlössern – zu erzählen. Seine Berichte über die Verbindungen zwischen den Menschen in Ost und West, basierend auf seinen persönlichen Erfahrungen, sind sehr bewegend. Eindrücklich schildert er den bis zu 200 Meter breiten „Todesstreifen“, der einst mit Minen gesichert war. Allein in den 1970er Jahren wurden auf einem zehn Kilometer langen Abschnitt bis zu 60.000 Minen verlegt. Nach der Wiedervereinigung war die mühsame Suche und Entschärfung dieser Minen eine große Herausforderung.

Man muss nicht weit reisen, um Neues zu entdecken. Diese Erkenntnis bestätigt sich in Bad Kissingen und Bad Königshofen wieder. Die fränkischen Kurstädte sind nicht nur dank ihrer heilenden Thermen und Heilwasserquellen eine Reise wert, sondern beeindrucken auch durch eine reiche kulturelle Vergangenheit und die Schönheit ihrer Naturlandschaften. Hinzu kommt, dass die deutsche Region Franken glücklicherweise touristisch nicht überlaufen ist und zudem verkehrsgünstig in der Mitte Deutschlands liegt. Nicht umsonst begann hier die deutsche Eisenbahngeschichte, als 1835 die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen wurde.

 

 


Diese Reise wurde unterstützt von FrankenTourismus.

INFORMATIONEN

Tourismusverband Franken e.V., Pretzfelder Straße 15, 90425 NürnbergT 0911 94151 0, info@frankentourismus.de

Kontakt zur Autorin: Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

 

 

 

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