Interview mit Bestseller-Autor Parag Khanna über MOVE, Migration.
Politologe Parag Khanna

„Mobilität ist ein Grundrecht des 21. Jahrhunderts“

Interview mit Bestseller-Autor und Strategieberater Parag Khanna

Parag Khanna, geb. 1977 in Indien, ist Politologe und Gründer der Strategieberatung FutureMap. Heute lebt er in Singapur. Nach „Unsere asiatische Zukunft“ (2019) erschien 2021 „MOVE. Das Zeitalter der Migration“. Das neue Werk hat Khanna im Futurium Berlin während seiner Europa-Reise vorgestellt. Wir haben die Gelegenheit genutzt, den Bestseller-Autor zu treffen und ihn zu seiner Hauptthese, der Mensch werde angesichts des Klimawandels wieder zum Nomaden, zu befragen.

 

Herr Khanna, Sie nennen sich einen Weltreisenden und geben an, 150 Länder dieser Erde bereist zu haben. Was ist das Reisen für Sie, eine Profession?

Ich bin glücklich darüber, dass ich oft reisen durfte, und meine Eltern mir die Welt gezeigt haben. Nun gehört es zum Beruf. Was als Spaß und Abenteuer anfing, wurde später zur Forschungsmethode. Reisen gehört zu meinem methodischen Werkzeugkasten. Es ist ein Mittel, zu Erkenntnissen zu gelangen, eine Art ausgelagerte Forschung.

Aktuell ist freies Reisen wegen der Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Hindert es Sie sehr in Ihrer Lebens- und Arbeitsweise?

In der Tat bin ich zuletzt weniger gereist, hatte aber ständig Kontakt mit Menschen aus aller Welt, von Chile, Japan, Malta bis Großbritannien und den USA. Trotz erzwungener Sesshaftigkeit konnte ich virtuell an verschiedenen Orten gleichzeitig präsent sein. Natürlich sind Onlinetreffen auch mit Kompromissen verbunden, aber ich habe das Beste draus gemacht.

In Ihrem neuen Buch befassen Sie sich mit Humangeographie und klimawandelbedingten Migrationsströmen. Worauf müssen wir uns in Europa hier einstellen?

Klimawandel ist ein globaler Prozess, aber es gibt regionale Muster. Europa ist im Vergleich zu anderen Weltregionen in einer glücklicheren Position. Dank des Mikroklimas aufgrund der geographischen Lage in den höheren Breitengraden ist Europa bisher von allzu schlimmen Auswirkungen des Klimawandels verschont geblieben. Dazu tragen auch Ziele wie CO2-Neutralität und Energieautarkie bei, aber den bereits laufenden Prozess wird man nicht aufhalten können. Sehen Sie, beim Krieg in Syrien oder im Sudan spielte doch der Klimawandel auch eine Rolle. Das wird sich in der Zukunft noch verstärken. Europa muss sich auf neue Einwanderungsströme und eine steigende Zahl von Klimaflüchtlingen, vor allem aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien einstellen. Das sind keine Szenarien, sondern ist bereits Realität.

Singapur, wo Sie heute leben, gilt als digitale Vorzeigestadt. Gilt das auch für soziale Standards, Nachhaltigkeit und Migrationspolitik? Wie inklusiv agiert der Staat?

Aus meiner Sicht hat Singapur eine der vielfältigsten Gesellschaften auf der Welt. Unter globalen Städten wie Hongkong, London, Toronto, New York City oder Los Angeles sind Singapur und Dubai die diversesten Orte. Es gibt eine beachtliche ethnische Mischung, vier Landessprachen, mehr als die Hälfte aller Einwohner sind im Ausland geboren. Als Inselstaat mit einer Fläche etwas kleiner als Berlin ist Singapur dicht besiedelt und geographisch von den Flüchtlingsrouten entfernt. Es ist eben schwierig, hierher zu gelangen, zudem teuer. Es ist kaum zu erwarten, dass plötzlich Millionen von Refugees hier eintreffen. Aber Singapur hat ein anderes Problem, die Altersschere: Es gibt zu wenig junge Menschen. Jüngere Generationen aus dem Ausland zu rekrutieren wird zur zentralen Aufgabe.

Viel verbindet Sie auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Es sei das postnationalste Land der Welt, ein Land der Expats, sagen Sie. Das klingt weltoffen und libertär. Gibt es hier keine sozialen und kulturellen Assimilationsprobleme?

Ich kenne die Emirate seit meiner Kindheit, habe hier als kleiner Junge schwimmen und Tennis spielen gelernt. Das Land hat eine ungewöhnliche Bevölkerungsstruktur, die mit einer hohen Zahl von Arbeitsimmigranten, meistens aus Südasien, zusammenhängt. In demografischer Hinsicht sind die VAE ein vielfach von Indern und Pakistanern dominiertes Land in einer arabischen islamischen Monarchie. Ein Großteil dieser Menschen sind Gastarbeiter in der Bauwirtschaft. Sie arbeiten oft unter schweren Arbeitsbedingungen, werden dafür besser als in ihren Herkunftsländern entlohnt, aber auch ausgebeutet. Zum Glück ist man dabei, die Lebensbedingungen der Expatriats zu verbessern. Als ich von vor 10 Jahren an Gastarbeiter-Camps vorbeigefahren bin, hatten diese nicht einmal Klimaanlagen.

Bei der Migrationspolitik plädieren Sie für weniger Nationalismus und globalen Gemeinsinn. Sie skizzieren eine Zivilisation 3.0, die auf Global Governance basiert. Für den ehemaligen Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Wolfgang Streeck ist Global Governance ein neoliberales, undemokratisches Konzept, weil es vor allem den Interessen einer privilegierten kosmopolitischen oberen Mittelschicht dient. Was würden Sie dagegenhalten?

Global Governance meint nicht etwa Demokratisierung der Weltpolitik. Es geht um globale Regeln, die auf kooperative Art und Weise von Staaten, die dazu von Ihren Wählern ermächtigt sind, gesetzt werden. Globale Basisdemokratie braucht es dafür nicht, obwohl sie über digitale Tools sogar denkbar wäre. Worauf es aus meiner Sicht ankommt, sind die Outputs, inwiefern uns die Ergebnisse weiterbringen, aber auch die Frage, wer bei der Entscheidungsfindung alles dabei sein darf: Nur demokratische Staaten oder auch China, das kommunistisch geprägt ist? Wenn wir jedoch Staaten ausschließen, wäre das keine echte Global Governance. Es gibt nun mal auf der Welt verschiedene politische Systeme.

Parag Khanna im Gespräch mit Futurium-Direktor Stefan Brandt
Khanna im Gespräch mit Futurium-Direktor Stefan Brandt

Wie machen wir das Beste aus der komplexen Herausforderung der Klimamigration? Sind „kosmopolitischer Utilitarismus“, Geo-Engineering und globaler Reisepass, wie Sie es in Ihrem Buch vorschlagen, die Lösung?

Ich sehe Mobilität in jedem Fall als ein Grundrecht des 21. Jahrhunderts. Eine von der Staatsangehörigkeit abgekoppelte Mobilität, eine Art globaler Reisepass wäre technisch schon heute möglich, dank Digitaltechnologien wie Blockchain und eines globalen Data-Sharing. Das wäre auch meine Vision für die Menschheit: Jeder soll das Recht haben, sich grenzüberschreitend ungehindert fortzubewegen, ohne dass eine bestimmte Staatsangehörigkeit einen daran hindert. Damit würden wir jedem Einzelnen eine Würde verleihen und ein starkes Symbol für eine neue Ära globaler Kooperation setzen.

Herr Khanna, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview:

Svetlana Alexeeva, Owner «DIGITAL INSIGHT CIS»: Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de

 

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