Smart City als strategische Herausforderung: Moskaus Wandel zu einer Digitalstadt

Von Svetlana Alexeeva

Die Smart City-Vision spiegelt die Geisteshaltung unserer Zeit eindrucksvoll wider: urban, vernetzt, nachhaltig, ökologisch, partizipativ. Elementares Kennzeichen einer Digitalstadt ist die intelligente Vernetzung – zwischen Bereichen wie Verwaltung, Verkehr, Sicherheit, Energie, Bildung, Gesundheit und auch innerhalb der Bereiche. Es gibt bislang noch keine allgemein gültige Definition, doch zahlreiche Smart City-Rankings und -Awards. Im Grunde ist es eine zeitgemäße Antwort auf zwei Globaltrends: Klimaschutz und Urbanisierung. „As the world continues to urbanize, sustainable development challenges will be increasingly concentrated in cities“, so die UNO 2014 in „World Urbanization Prospects“. Wenn dem so ist, dann verspricht „Smart City“ das optimale Konzept für urbanes Zusammenleben zu sein.

Moskva River with Kremlin and Moscow City
Sicht auf den Kreml und Moscow City

Als Moskauer Stadtentwickler vor sechs Jahren den Startschuss zu „Information City“ bekannt gaben, war das Denkkonstrukt „Smart City“ nicht wirklich präsent in ihrem Bewusstsein. Was als technologische Modernisierung begann, erfasste dann aber nach und nach das gesamte Gefüge der Stadt. Es ist nicht verfehlt, zu sagen, Moskau wird gegenwärtig neu konfiguriert, zu einem interaktiven digitalen Ökosystem. Offiziell leben 12,5 Millionen Menschen in der russischen Hauptstadt, inoffiziell etwa 15 Millionen. Damit ist es nicht nur die größte Stadt Russlands, sondern auch Europas. Dazu eine smarte: 2016 schaffte Moskau erneut ins Finale von „Smart City Expo World Congress“ in Barcelona - in der Kategorie „World Smart City Award“. Welche Leistung steckt dahinter?

Von „Information City“ und E-Government zum integrierten Government

Andrey Belozerov, Strategieberater des CIO (Chief Information Officer) Moskau, erklärt auf der IT-Messe CeBIT 2017: „Als wir 2011 mit „Information City“ anfingen, hatten wir ein Jahresbudget von 600 Millionen Dollar. Wir investierten diese Gelder in die IKT- und Machine-to-Machine-Projekte, E-Health, Online-Bildung, E-Government, E-Partizipation etc. Jetzt bündeln wir diese separaten Lösungen in ein integriertes Konzept. Die Zwischenbilanz: E-Akte, E-Vergabe, E-Voting-App (Online-Abstimmung), IoT-Plattformen für Smart Metering und den öffentlichen Verkehr. Das Monitoring der Verkehrslage war besonders wichtig, vor allem in der Winterzeit. Zudem zählt Moskaus Fuhrpark rund 32.000 Fahrzeuge. Nun kann man Routen planen, Fahrpläne und den Treibstoffverbrauch optimieren. Die Straßen sind mit Sensoren versehen, die Daten erfassen und an die Mobilitätsplattform übermitteln. Um intelligente urbane Lösungen schneller anwenden zu können, wurde 2016 das Smart City Lab gegründet. Mindestens ein Drittel dieser Start-ups-Projekte soll 2018 stadtweit einsatzbereit sein.

Beim E-Government ist das Büro des Bürgermeisters Sergej Sobjanin gerade dabei, Verwaltungsleistungen zu systematisieren. Rund 300 Off- und Online-Dienste habe man identifiziert, daraus wird nun ein einheitlicher Katalog – nach dem Vorbild von Amazon-Katalogen, die man für sehr gelungen hält. Das Portal MOS.RU soll künftig mit dem Föderalen Portal für Staatsleistungen GOSUSLUGI.RU vernetzt werden.

Moskau plant weltweit erstes "Government Blockchain"-Projekt

Künstliche Intelligenz, Chatbots, Augmented und Virtual Reality, Blockchain sind für die russischen Smart City-Planer keine ferne Zukunft. Die Regierung plant bereits einen ersten Piloten: „Wir wollen das weltweit erste 'Government Blockchain'-Projekt sein“, sagt Belozerov mit Stolz. Sorgen bereiten hin und wieder fehlende Medienkompetenzen und mentale Barrieren. Ihnen begegnet man mit Lern- und Hilfsangeboten für die Einwohner. Das Geoinformationsportal GOROD.MOS.RU und das Active-Citizen-Portal AG.MOS.RU mit E-Voting-Funktion sollen sie zur Teilhabe anregen. Schaut man sich diese interaktiven Angebote im Internet an, so wirken sie äußerst professionell, visuell sehr ansprechend und übersichtlich.

Gegenüber anderen digitalen Städten ist Moskau aus zwei Gründen im Vorteil. Die Russen sind medien-, technikaffin und experimentierfreudig. Rund 71 Prozent der Bevölkerung oder 87 Millionen Russen nutzen das Internet, davon 20 Millionen nur über Mobilgeräte. Deshalb setzt die Verwaltung verstärkte auf mobile Anwendungen – mobile Parking, mobile Health, mobile Government etc. - diese Apps können die Moskowiten schon heute nutzen. Zudem ist Moskau eine zentralregierte Stadt. Als eine solche kann es standardisierte IT-Systeme stadtweit auszurollen.

Außer in Moskau gab es in Russland Smart City-Versuche im Großraum Moskau (Skolkovo), in der Republik Tatarstan (Kasan Smart City und Innopolis), im Gebiet Krasnodar (Olympisches Cluster in Sotschi) sowie in den Gebieten Leningrad und Uljanowsk. Doch kamen die meisten Projekte nicht über das Pilotstadium hinaus. Laut Institut für regionale Studien und urbane Planung an der HSE (Higher School of Economics) in Moskau bestand das Hauptproblem in der Weiterfinanzierung. Lokal- und Regionalverwaltungen haben aufgrund ungünstiger Steuerverteilungsformel oft kaum Spielraum für langfristige Investments. Das „Smart City“-Programm für Moskau wurde inzwischen bis 2018 verlängert. Es wäre spannend, es mit dem neuen „Smart City Index" von Roland Berger zu bewerten, in dessen Fokus die strategische Ausrichtung eines Smart City-Konzepts steht.

Aussichten für den globalen Smart City-Markt

Es zeigt sich, Smart City ist kein Ergebnis, sondern ein Prozess. Zudem ein ertragreiches Investment in die Zukunft. Der globale Markt für smarte Stadtlösungen soll nach Roland Berger von aktuell 13 auf 28 Milliarden Dollar im Jahr 2030 anwachsen. Besonders gefragt sind Netzwerkausrüster und Firmen, die Technologien für die Integration und den Betrieb von digital vernetzten Prozessen anbieten. Technologieunternehmen wie SAP, IBM, Microsoft oder Cisco sind hier bereits gut aufgestellt. Cisco bietet sogar ein „IoT-System for Smart City“ an. Speziell in Moskau hält man aber auch viel von der Kompetenz heimischer Softwareentwickler. Und Yandex, eine der größten Tech-Firmen des Landes, ist strategischer Partner der Stadt.

Moskau kann also zuversichtlich in die Zukunft blicken. Laut A.T. Kearneys Studie „Global Cities 2017” gehört es schon heute zur “Globalen Elite” der Top-25 Städte. Beim “Outlook” steht Moskau sogar auf Platz 10 (Berlin: Platz 18). Es punktet mit E-Government, reger Geschäftsaktivität und reichem Kulturleben. Moskauer Universitäten bilden zudem ausgezeichnete IT-Fachleute und Ingenieure aus. Was noch ausbaufähig ist, sind die Innovationskraft und das bislang geringe politische Engagement der Bürger. Doch Letzteres fällt in einen Bereich, der jenseits einer Smart City-Strategie liegt.

 

Svetlana Alexeeva (Dipl.-Phil., Dipl.-Kffr.) ist Expertin/Autorin für Digitaltransformation, Internetpolitik, E-Government und Advisor Russland/Osteuropa

Svetlana.Alexeeva@digital-insight.de


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